09 Juni 2011 - 11:23 -- Nichtraucher

Frank Turners »Love, ire and song«

Bis ich mir Frank Turners neues Album schön gehört habe, verliere ich mal ein paar Worte über mein Frank Turner-Lieblingsalbum, Love, ire and song von 2008.

Frank Turner – »Love, ire and song«



Das ist wirklich eine Perle des modernen Songwritertums. Ich kann nicht mit allen seinen Alben so viel anfangen, aber das hier wird mich sicher noch lange begleiten. Es ist eines der Alben, die ich ohne einmal zu skippen durchhören kann und ich freu mich noch beim hundertsten Mal immer wieder auf jedes nächste Lied, so gut sind sie alle smilie

Er beginnt in the beginning, we're lovers and we're losers, we're heros and we're pioneers, we're beggars and we're choosers - er schaut sich einmal um in seinem Freundeskreis aus verhinderten Rockstars, Möchtegern-Szenefotografen und Independent-Filmemachern, ein spöttisch-liebevoller Rundumschlag, We're almost on the guest list, we're always stuck in traffic... we're the C team with the almost famous old friends of the stars.

Gleich geht es weiter mit einem Mutmachstück, denn letztendlich kochen alle nur mit Wasser und schaut mich an, so singt er, ich bin auch nur ein dürrer Liedermacher, der sich nach Liebe sehnt. Reasons not to be an idiot heißt das Stück und seine Texte sind einfach immer zuhörenswert. Glasklar gesungen, jedes Wort mit dicker, weißer Kreide an die Wand geschrieben, er will verstanden werden, das komplette Gegenstück zu verschwurbelter Shoegazer-Lyrik. Er ist ein Agitator des Folk und man hört ihm seine Herkunft aus dem Punkrock deutlich an. Eine One-man-Folkpunk-Band. Deine Rede sei Ja, ja, nein, nein. Hier gibt es nichts Lauwarmes. Diese Attitüde kann auch nerven, aber nicht auf diesem Album, hier hält er noch gekonnt die Waage zwischem Pathos und rotzigem Spott.

Im schmissigen Mitgrölsong Photosynthesis verlangt er nichts weniger als sein Leben zu leben, als wäre jeder Tag der letzte, gemäß seinem Motto At least I tried. Alles andere sei doch nur vegetieren, Photosynthese halt. Das aber im fröhlichsten Folk-Schunkel-Rhythmus, er will uns auch nicht auf den Sack gehen damit, ist halt nur seine Meinung. Er ist wirklich sehr dürr, man möchte ihn füttern.

Ein Foto von Frank Turner



In weiteren Songs geht es natürlich um vergebliche Liebe und wie die Musik immer nur sein Substitute sein wird, if music was the food of love then I would be a fat romantic slob. Aber so einfach ist es halt nicht, I wrote her sixteen songs and ended up alone. Als charmanter und erfolgreicher Musiker bleiben das aber eher Luxusprobleme, I've had many different girls inside my bed, but only one or two inside my head. Er ist ja schon ein Süßer:

Ein weiteres Foto von Frank Turner



Immer wieder geht es darum, nicht mehr jung und zornig genug zu sein, die Angst, sich und die Sache zu verraten, but these day I sit at home, known to shout at my TV and Punk Rock didn't live up to what I hoped that it could be... Hier erinnert er an den britischen Polit-Recken Billy Bragg, mit dem er oft verglichen wird. Er seziert die Mechanismen des Hereinwachsens in die Gesellschaft, aber weder verbissen noch desillusioniert, er stellt es einfach fest und rät, dennoch immer wieder einen draufzumachen, scheiß der Hund drauf. If we're stuck on this ship and it's sinking, then we might as well have a parade, cos if it's still going to hurt in the morning and a better plan's set to get forming, then where's the harm spending an evening?

Bier trinken mit Freunden in Pubs ist ihm sehr wichtig und hier gefällt er mir natürlich auch sehr gut. Seine Trinklieder sind so englisch wie frisch gezapftes Ale, wie Fish and Chips, in eine fettige Zeitung gerollt, wie Regen um 5 Uhr morgens, während man auf den ersten Bus wartet. Das Mark des Lebens aussaugen, das Glas bis zur Neige leeren, darum geht es immer wieder, er verknüpft trockene Lebensphilosophie mit pragmatischen Tipps, wie man an einem Abend in der Stadt richtig Spaß hat. Seine Pub-Konzerte sollen auch höchst vergnügliche Gruppenbesäufnisse sein, ein Anfass-Star.

Und noch ein Foto von Frank Turner, diesmal mit einer Horde im Hintergrund



Und das passt wieder fugenlos mit einem Lied über eine Freundin zusammen, die viel zu jung an Krebs stirbt, dann wird eben ihr letzter Wille gefeiert, noch einmal durch die Clubs zu ziehen, sie kann es ja nicht mehr, aber hätte es so gewollt:

So I tried to think what Lex would want me to do at times like this when I was feeling blue. So I gathered up some friends to spread the sad, sad news and we headed to the City for a drink or two. And we sang: "We live to dance another day, it's just now we have to dance for one more of us, so stop looking so damn depressed, and sing with all our hearts, long live the Queen!"

The Queen is dead and South London's not the same anymore - ein todtrauriges Lied, aber rotzig und schnell gespielt. Sich nur nie unterkriegen lassen, ist das die britische stiff upper lip? Gegen Ende der Platte wird es dann doch etwas larmoyant, das muss ich ihm leider vorwerfen, er bemitleidet manchmal etwas zu sehr sein schreckliches Leben als Rockstar. Jaja, jede Nacht ein neues Hotelbett, mir kommen die Tränen...

Egal, die Platte rockt so sehr, wie ein Mann mit Akustikgitarre rocken kann, Singer/Songwriter-Folk mit Punk-Attitüde und einem enormen, unstillbaren Lebenshunger. Diese Platte höre ich laut und mach ein Bier auf und alles Doofe und Kleinliche und Nervtötende verstummt und es bleibt doch noch so viel Gutes, was man tun kann - einen Freund mal wieder anrufen, sich auf ein Bier verabreden. Runter an den Fluss gehen. Spontan in eine fremde Stadt fahren. Diese Frau endlich mal doch ansprechen. Den Arsch hochkriegen und irgendwas aus seinem Leben machen, was auch immer. Und ganz besonders: Yeah whatever else maybe I will not forget my friends!

Zwölfmal auf CD gebrannte Lebenshilfe von der Insel, einmal täglich einzunehmen smilie

10 von 10 french kisses of an english boy with an Parisian girl