05 Oktober 2009 - 17:00 -- Oxford

,

11 Freunde sollt ihr sein

Ich muss hier wirklich mal eine große Lanze für das Monatsmagazin "11 Freunde" brechen. Es ist die perfekte Lektüre für den etwas intellektuelleren Fan. Da gibt es keine Spielberichte oder Ergebnisse, sondern einfach nur gute, witzige und extrem unterhaltsame Geschichten rund um den Fußball. Es nennt sich ja auch selbst "Magazin für Fußballkultur".

Coverbild der



Ich kaufe mir die "11 Freunde" meist zu Beginn längerer Zugfahrten. Die Geschichten im Heft sind ja nicht tagesaktuell, daher hat man keine Eile beim Lesen. Trotzdem habe ich eine Ausgabe meist sehr schnell durchgelesen. Das Faszinierende daran ist, dass ich jeden Artikel lese. Egal wie dröge oder absurd das Thema auch zu sein scheint, die Artikel sind so humor- und liebevoll geschrieben, dass es immer Spaß macht. Noch dazu sind sie immer sensationell recherchiert und man erfährt Dinge, die man in der normalen Sportberichterstattung nie hören oder lesen würde. Das gilt auch für die Interviews. Gegenüber 11 Freunde wirken viele Fußballer deutlich offenherziger, als sie es in den Mainstream-Medien sind.

In den Geschichten der 11 Freunde wird Fußball wieder zum Spiel, also zum Fußballspiel. Medienmacht, Kohle und Kommerz rücken in den Hintergrund. Auch heute noch gibt es Geschichten, die man in unserer glattgebügelten Medienfussballwelt gar nicht mehr für möglich gehalten hätte.

11 Freunde portraitiert sowohl Stars, als auch (fast) völlige No-Names oder ausländische Spieler/Teams. Mal sind Messi oder Ballack die Titelhelden (wie diesen Monat), mal die Truppe von Rot-Weiß Oberhausen, die zuletzt eine ganze Saison lang von einem 11-Freunde Reporter begleitet worden sind (in der Kabine, im Trainingslager, überall). Außerdem ist immer ein Stadionposter enthalten, auf dessen Rückseite die Geschichte und Geschichten des jeweiligen Stadions festgehalten sind. Dies geschieht natürlich mit sehr viel Liebe zum Detail.

Coverbild der



Die aktuelle Oktober-Ausgabe ist ein besonders gelungenes Beispiel, wie ich finde, weil es die gesamte Bandbreite der Thematik abdeckt.


  • Am Anfang gibt es viele Kurz-Infos und kleine Anekdoten. So übernimmt zum Beispiel der ehemalige Kult-Spieler Souleyman Sane jetzt den Kreisligisten DJK Wattenscheid. Und der französische Erstligaaufsteiger US Boulogne hat eine "Frank Ribery Tribüne" (großes Foto). Außerdem erzählt Campino, wie Peter Crouch auf seinem Junggesellenabschied spontan und im Suff zu einem Toten-Hosen Konzert nach Braunschweig gejettet ist und am nächsten Tag in der Presse stand, er sei wegen Vertragsverhandlungen mit dem VFL Wolfsburg da gewesen. Das sind alles Geschichten, die man nirgendwo anders liest.

  • Besonders lustig ist die Rubrik "Live-Ticker", die sich unten auf den Eingangsseiten befindet. Dort werden kurze, oft humorige Meldungen notiert: "Rührend, wie Frankfurts Keeper Markus Pröll versuchte, in der Statistik "Kuriose Fußballverletzungen" Plätze gut zu machen, indem er sich beim Sturz über ein kleines Mädchen das Schultergelenk auskugelte. Allein, an Santiago Canizares (Schnittwunde durch Parfumflasche), Jari Litmanen (Korken ins Auge) und Franz Michelberger (Zusammenstoß mit Kamel) ist in den nächsten Jahrzehnten kein Vorbeikommen!"

  • Zum Thema Fußball und Politik gräbt 11 Freunde ein geniales Foto aus den 80ern aus. Helmut Kohl auf Stippvisite beim Fußball-Training. Der junge Kalle Rummenigge (im senffarbenen T-Shirt und lila Trainingshose bis zum Nabel hochgezogen) guckt leicht entrückt an der Kamera vorbei. 11 Freunde: "Rummenigge aber hätte man über den Besuch des Kanzlers informieren müssen. So wirkt die Garderobe doch arg nachlässig." Allein dieses Foto... das sind Perlen, für die sich der Kauf uneingeschränkt lohnt. Und davon gibts in der 11 Freunde jede Menge.

  • In jeder Ausgabe gibt es eine Seite mit lustigen Fußballer-Sprüchen, oft nach bestimmten Themen zusammengestellt. In dieser Ausgabe ist das Thema Olli Kahn. "Die Karten sind neugewürfelt!" (Dreierpasch beim Pokern für Oliver Kahn).

  • Im Hauptteil folgen dann die Leitartikel und die längeren Reportagen und Interviews. So erzählt in diesem Monat zum Beispiel Jimmy Hartwig vom Meisterschaftstriumph seines HSV 1982, der mit einem 4:3 bei den Bayern so gut wie klar gemacht wurde. Man lag allerdings zur Pause noch 1:3 hinten. Dann habe Trainerlegende Ernst Happel sie in der Kabine zusammengeschrien: "Ihr Hurensöhne!" und dann liefs plötzlich.

  • Die Karriere Michael Ballacks wird in einem langen Artikel wunderbar nachgezeichnet. In einem ebenso langen Interview sagt Ballack etwas, was ich gut nachvollziehen kann. Frage: Lieben Sie Deutschland mehr, seit Sie weg sind? Antwort: Ich würde sagen, an fühlt sich noch mehr für sein Land verantwortlich. Es ist ja so, dass die Engländer von mir automatisch auf alle Deutschen schließen. Man wird 'The German' genannt und sie sagen, guck mal, das war aber wieder typisch deutsch. Oder auch nicht. Ich denke, jeder der im Ausland lebt, kennt dieses Gefühl. Dass man ungewollt zu einer Art Botschafter wird.

  • In einem anderen Interview sprechen Präsident Strutz und Manager Heidel offen und ehrlich über ihre nun fast zwanzigjährige (!) Amtszeit bei Mainz 05 (wer wusste das? Ich nicht!). Da werden auch einige sehr richtige Aussagen zum Thema Hoffenheim und 50+1 getätigt. Das hätte ich dem Heidel gar nicht zugetraut.

  • Ein Highlight des Hefts ist die Reportage über die Spieler des VDV-Teams, das Team der vereinslosen Spieler. Da wird viel über Emotionen, Schicksale und Menschen berichtet. Der FC hatte neulich erst ein Testspiel gegen dieses "Team", das sich in Duisburg fit hält. Ein Jahr lang haben die Kicker gesetzlichen Anspruch auf Arbeitslosengeld, ALG I. Sie werden beim Amt in der Kategorie "Künstler" geführt, sogar die Innenverteidiger. VDV-Mitarbeiter Ulf Baranowsky sagte Ende Juli: 'Wir hoffen, dass das Team schnell auseinanderfällt'.

  • Sehr lesenswert ist auch die Reportage über die Karriere Jörg Butts und seinen Aufstieg zur erneuten Nummer 1 bei den Bayern. In keinem anderen Heft würde so sehr die Persönlichkeit eines Spielers (und ihre Rolle in der sportlichen Entwicklung) beleuchtet werden, wie in der 11 Freunde.

  • Außerdem haben die 11 Freunde drei englische Alt-Hooligans in London besucht. Aber den Artikel hab ich noch nicht gelesen. Ich freu mich aber schon drauf.

  • Die Ausgabe enthält ein Sonderheft zum Thema "Frauenfußball", in dem die 19-jährige Europameisterin Kim Kulig interviewt wird. Auf die Frage nach Fanpost und Groupies gibt sie entwaffnend ehrlich zu Protokoll: "Nach den Spielen kommen manchmal kleine Kinder, und bei meinen Eltern ruft ständig so ein komischer Typ an, der mich sprechen will. Aber natürlich geben sie ihm nicht meine Nummer." In einem weiteren Artikel schildert Torhüterin Marion Isbert das dramatische Elfmeterschießen im EM-Halbfinale 1989 gegen Italien: "Nach dem ich den dritten Elfmeter gehalten hatte, kam meine Mitspielerin Sissy Raith zu mir und meinte: 'Wer drei hält, kann auch einen schießen' [...] Ich ging also zum Ball und schoss: flach in die Mitte, unplatziert, einfach schlecht, als hätte man mich gegen den Ball geschubst. Es war schrecklich, aber der Ball war drin. Alles andere zählte nicht."