22 September 2009 - 18:21 -- Ramujan

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Wickie und die starken Männer

Jetzt wischen wir mal diesen ganzen Quatsch wie Inglorious Basterds, District 9 und Michael Jackson beiseite und wenden uns echten Männerfilmen zu.

Hey, hey Wicki



Das Leben ist hart und rau zur Wikingerzeit, das Wetter der Vor-Klimawandelepoche, Entbehrung und das Diktat archaischer Sitten formen die Menschen. Die Frauen sind so unfruchtbar wie das karge Land, das sich jedem Versuch der landwirtschaftlichen Kultivierung entzieht. Der Überlebenswille zwingt die Männer zur Barbarei, in wackligen Booten rudern sie von Raubzug zu Raubzug; es gilt das Recht des Stärkeren, das Darwinsche Gesetz, auch wenn für das Wissen, wer Darwin war, der Bildungsstandard kaum ausreicht.

Am härtesten und am rausten ist das Leben -- natürlich! -- für die empfindsamsten und unschuldigsten der Wikingergeschöpfe: für die Kinder. Holt Wotan sie nicht während der ersten fünf Lebensjahre zu sich in die Krabbelstube von Walhalla, überlässt man sie den Gepflogenheiten der Natur, in der Hoffnung, das Spiel mit Wölfen und anderen Wikingerkindern möge ihnen Willen und Stärke eintreiben. Einer dieser Kinder ist Wickie (man beachte den mit Absicht allgemein gehaltenen Namen -- eine Allegorie auf das Wikingerkind an sich).

Und hier bezieht der Film Stellung, positioniert Intelligenz ganz klar über Kraft, die Wachheit des Geistes über den Kult des Körpers, Aufklärung über die Unvernunft des Kultischen.

Wickie löst seine Probleme mit dem Kopf, nicht mit den Muskeln. So erfindet er während eines Aufnahmerituals, in dem es darum geht, schneller Steine von Punkt A nach Punkt B zu tragen als der rohe Vater, quasi im Vorbeigehen das Katapult und konstruiert ca. 500 Jahre vor Leonardo da Vinci und 700 Jahre vor den Brüdern Montgolfier das erste Fluggerät (hier stellt sich die Frage, ob Wickie auch im Alleingang Amerika entdeckt hat; ähnliches wird ja von Wikingern berichtet), um seiner Freundin zu gefallen. Das ist auch so ein Thema des Films: Wie entwickelt sich Liebe in einer Gesellschaftsform, deren Ausbrüche höchster Gefühle sich vor allem in den Grunzlauten im Anbetracht einer üppig gedeckten Tafel voller geplünderter Lebensmittel bemerkbar machen?

Nun, was ist der größte anzunehmende Schrecken einer weitestgehend unfruchtbaren Gemeinschaft, deren maskuliner Part die meiste Zeit fremde Dörfer brandschatzt? Richtig, der Verlust der Kinder. Und so kommt es, wie es kommen muss: Ein fremder Wikingerstamm entführt kurzerhand die Blagen. Der Grund für den Überfall: Einer Sage nach gibt es eine Insel mit einem Horn, und nur ein ehrliches Kind, welches noch nie gelogen hat, vermag das Horn zum Tuten zu bringen. Da der fremde Stamm dem eigenen Nachwuchs keine Manieren beigebracht hat (vgl.: Das Lob der Disziplin, Bernhard Bueb), muss er auf fremde Ressourcen zurückgreifen.

Was dann folgt, das ist eine Odyssee über die Weltmeere bzw. dem Ostsee-Teil davon, das ist der Kampf gegen die Dämonen einer chinesischen Zirkusgaleere und der Selbsterkenntnis, der Kampf gegen die Zeit und die Gesetze der Physik. Unnötig zu erwähnen, dass trotz des Pessimismus, der diesen Film umwebt, das Gute über das Böse, die Leichtigkeit des Wunsches zu Fliegen über die profane Anziehungskraft der Gravitation, das wache, aufgeweckte Kind über den Konservatismus des Vaters obsiegt. Somit verweist der Film auf den literarischen magischen Realismus eines Marquez, referenziert kurzweilig auf die Filme eines Kusturicas. Großes Kunstkino!

Wickie und die starken Männer – Deutschland/Dänemark/Aserbaidschan, 2009