11 September 2009 - 20:31 -- Morgi

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Budapest

Nach meiner Solidaritätsteilnahme an der Budapest Gay Pride Parade bin ich noch einige Tage in der Stadt geblieben, vor wenigen Stunden bin ich wieder in Wien angekommen, und hier gibt es gleich einige frische Eindrücke von Demo und Stadt:

Den Ablauf der Pride habe ich als fast uneingeschränkt positiv empfunden, von irgendwelchen Krawallen oder Gewalttätigkeiten am Rande habe ich nichts mitbekommen, und die Stimmung innerhalb der Parade war sowieso durchweg freundlich und gelöst. Auch die Teilnehmerzahl ist mir nicht so gering vorgekommen, wie es in manchen Berichten heißt - 500 Teilnehmer scheinen mir stark untertrieben, alleine die kleine Wiener Gruppe umfasste ja gut 100 Leute. 1000 dürften es mE insgesamt mindestens gewesen sein. Trotzdem muss ich eine kleine Einschränkung meines guten Eindrucks vornehmen, der allerdings nicht die Organisation der Pride insgesamt, aber der Wiener Delegation betrifft: Bei der Ankunft in Budapest mussten wir ein ganzes Stück vor dem eigentlichen Beginn der Demo aussteigen und waren dabei mit einer ziemlich gefährlich aussehenden Gruppe Nazis der Ungarischen Garde konfrontiert, ohne irgendwelchen nennenswerten Polizeischutz in der Nähe zu haben. Noch dazu sind wir erst einmal in die falsche Straße eingebogen und eine Weile ungeschützt unter den Blicken der Nazi-Aktivisten in die falsche Richtung gegangen - eine Situation, die übel hätten ausgehen können und in der ich mich sehr unwohl gefühlt habe.

Zum Glück hat die Polizei uns dann aber doch bald entdeckt und uns eine Eskorte geschickt, um uns zum Startplatz der Demo zu geleiten. In der Demo selbst herrschte dann die ganze Zeit eine sichere und entspannte Atmosphäre, die allerdings um den Preis eines massiven Polizeiaufgebotes samt Absperrungen und der damit verbundenen Isolierung von der restlichen Bevölkerung erkauft werden musste - für eine Demonstration, die sich an eine breite Öffentlichkeit richten sollte, um etwas an der gesellschaftlichen Stimmung zu verbessern, sicher keine optimale Situation, aber ich glaube nicht, dass irgendeiner der Teilnehmer das Risiko hätte in Kauf nehmen wollen, stattdessen in Krawalle mit gewalttätigen Nazi-Trupps verwickelt zu werden.

Zur Demo haben andere schon genug geschrieben und genug Bildmaterial geliefert, also weiter zur Stadt selbst. Vorneweg: Budapest ist eine riesige Stadt, erheblich größer als Wien (Allerdings liegt die Einwohnerzahl aufgrund der eher lockeren Bebauung in den äußeren Bezirken nur sehr knapp über der Wiens) und zu vielfältig, als dass man in nur vier Tagen mehr als einen vagen Überblick gewinnen könnte. Wenn ich nicht finanzielle Skrupel gehabt hätte, mein schon in Wien gekauftes Ticket für die Rückfahrt verfallen zu lassen, wäre ich sehr gerne noch länger geblieben, um noch mehr von dieser unglaublich kontrastreichen Stadt zu sehen, in der Wunderschönes und Entsetzliches so nahe beieinander liegt wie in keiner anderen Stadt, die ich bisher gesehen habe. Mein erster Erkundungsgang am Samstag führte mich direkt in das Schlimmste hinein, was Budapest zu bieten hat - Jozsefvaros.

Im Anschluss an die Pride war ich vom Endpunkt der Parade aus, einem belebten Platz an der Kreuzung von Ring und Rakoczi ut, recht ziellos geradeaus gelaufen, um in einen ruhigeren Teil der Stadt zu gelangen, ehe die Nazi-Horden der Gegendemo eintreffen würden. Nun, den Nazis bin ich erfolgreich ausgewichen, aber die Gegend, in die ich dabei geraten bin, kann man nicht weniger zutreffend als mit dem Attribut "ruhig" beschreiben - ich geriet mitten ins Zentrum des 8.Stadtbezirks Jozsefvaros (Josefstadt), der allerdings außer dem Namen herzlich wenig mit dem gleichnamigen Wiener Bezirk gemeinsam hat. Anfangs war ich einfach nur entsetzt und ungläubig - ich hatte nie für möglich gehalten, dass es in Europa tatsächlich auch nur etwas Vergleichbares geben könnte. Jozsefvaros nämlich ist kein "Problembezirk", wie es in Reiseführern euphemistisch formuliert wird, sondern ein Slum - ein Slum mit gründerzeitlichen Stuckfassaden und gusseisernen Laternen und Kandelabern aus dem fin de siecle. Dabei kann man dieses Viertel keineswegs als hässlich bezeichnen, vor hundert Jahren muss es dort wunderschön gewesen sein. Der allgegenwärtige Zerfall, die bedrückende Morbidität und Untergangsstimmung, die dort förmlich die Luft schwermacht, das Abbröckeln des Putzes, die Dreck- und Sperrmüllhaufen auf den Kopfsteinpflastern, die eingeschlagenenen, spinnenwebenüberzogenen Scheiben und die kratergroßen Schlaglöcher in den Straßen - all das strahlt eine düstere Großartigkeit aus wie eine stickige antike Katakombe oder die Ruine einer gotischen Kirche. Anders als die meisten sozialen Brennpunkte Westeuropas liegt Jozsefvaros nicht am Rand der Stadt, sondern fast direkt im Zentrum, in unmittelbarer Nähe zur Altstadt von Pest und zum Bahnhof Keleti, es besteht nicht aus Plattenbauten und Waschbeton-Bausünden wie die Problembezirke von Paris oder Berlin, sondern aus einem Labyrinth enger, extrem dicht bebauter Gründerzeitstraßen mit reich ornamentierten Fassaden - auch wenn es kaum ein Haus gibt, dessen Fassade nicht schon zur Hälfte abgefallen wäre und immer noch brockenweise zerfallen würde, den Blick auf nackte Brandmauern und poröse Ziegel freigebend.

Der ganze Bezirk ist von pulsierender Urbanität, kaum irgendwo sind die Straßen voller und belebter, aber es ist nicht gerade die Art von städtischem Leben, die irgendein Magistrat sich wünschen würde: Am hellen Nachmittag bieten Dealer vor Supermarkteingängen offen Heroin an, stehen vorzeitig gealterte Drogenprostituierte am Straßenrand, zeigen sich Gangs bulliger Jugendlicher mit Muskelshirts und militärischem Bürstenschnitt gegenseitig ihre Messer und Schlagringe, spielen kleine Kinder mit Spritzen, Bierdosen und Glasscherben. Gut ein Drittel der Bewohner sind Roma, die Arbeitslosigkeit und die Kriminalitätsraten sind landesweit Negativrekord. Wer hier wohnt, gehört zu den Ärmsten unter den Armen, zu den Ausgestoßenen unter den Ausgestoßenen. Ich habe bereits erwähnt, dass man diese urbane Hölle, diesen Alptraum jedes Stadtplaners nicht als einen normalen "Problembezirk" mit der üblichen westeuropäischen Bedeutung dieses Wortes bezeichnen kann, und dass lässt sich nicht genug betonen: Verglichen mit Jozsefvaros sind die Pariser Banlieus, Berlin-Neukölln, München-Neuperlach oder Wien-Hernals aristokratische Eliteviertel. Im Gegensatz zu sozialen Brennpunkten in Westeuropa ist hier nicht einmal die elementarste Grundsicherung der Bewohner gewährleistet: Ganze fünfstöckige Wohnhäuser haben kein einziges intaktes Fenster mehr und schützen sich mit aufgeklebten Pappquadraten oder Klebstreifen vor Wind und Wetter, manche Straßen sind so schadhaft, dass sie für Autos nicht mehr passierbar sind, viele oberirdische Stromleitungen sind seit offensichtlich langer Zeit zerrissen, ohne dass sich irgendjemand darum kümmern würde. Offenbar hat ein Teil der Haushalte keine elektrische Beleuchtung, denn bei Sonnenuntergang wird Jozsefvaros gespenstisch dunkel, das Gehör und der Geruchssinn werden dann schärfer, das aus allen Ecken kommende Grölen Betrunkener, die schrillen Lockrufe der Straßenprostituierten und das Geschrei von aneinandergeratenen Gruppen jugendlicher, der Gestank nach Alkohol, Teer und Staub werden intensiver. Manchmal wirft ein vorbeifahrendes Auto ein plötzliches Schlaglicht auf die halbkaputten Fassaden, die - sofern sie nicht schon ganz abgefallen sind - meistens von Einschusslöchern von Kugeln und Granatsplittern übersät sind, wohl aus dem Zweiten Weltkrieg (Die Schlacht um Budapest zwischen Wehrmacht und Roter Armee im Winter 1944/45 war extrem hart und blutig - 47 000 deutsche und 80 000 sowjetische Soldaten sowie 38 000 Zivilisten fanden dabei den Tod) oder vom Aufstand von 1956. Jedenfalls scheint sich in den vergangenen 50-60 Jahren niemand zuständig gefühlt zu haben, irgendetwas auszubessern.

Das alles ist ziemlich grauenhaft, stellenweise furchteinflößend - ich gebe zu, dass ich dort zum allerersten mal in meinem Leben wirklich Angst hatte, durch die Straßen zu gehen. Aber es hat auch, wenn man es schafft, das dort sichtbare menschliche Elend (Der Gedanke, dass in diesen dreckigen, zerbröckelnden Löchern wirklich Menschen leben, fällt oft schwer) zeitweise auszublenden, eine morbide Schönheit, etwas, das an die Ruinenromantik der Kunst des frühen 19. Jahrhunderts erinnert. Beispielsweise, wenn man nach einem langen Weg durch das enge, muffige Gewirr der dunklen Straßen plötzlich auf einen weiten, freien Platz tritt, auf dem sich monumental eine gewaltige Barockkirche erhebt, die dem Bezirk seinen Namen gebende Josefskirche aus dem frühen 18. Jahrhundert, als die Umgebung des Sakralbaus noch nicht zu einem Alptraum geworden war. Einige Straßen weiter, in der Nähe von Rakoczi ut und Üllöi ut, die Jozsefvaros begrenzen, ist ein großes Revitalisierungsprojekt im Gange, mit anspruchsvoller, moderner Architektur, großen Sanierungsmaßnahmen der Infrastruktur und neuerbauten Wohnungen der gehobenen Preisklasse. Aber ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendwelche wohlhabenden Privatleute, von kommerziellen Investoren einmal ganz zu schweigen, wirklich den Mut haben werden, sich hier anzusiedeln, in einer Gegend, die seit der EU-Osterweiterung 2004 im Ruf steht, das vielleicht schlimmste Stadtviertel der EU zu sein. Zudem ist das im Vergleich zu Westeuropa ohnehin arme Ungarn von der Finanzkrise härter erwischt worden als jeder andere europäische Staat, die Arbeitslosigkeit ist stark im Anstieg begriffen, das BIP schrumpft dramatisch, und der Forint ist in eine Inflationsspirale geraten, die mittlerweile an der 10%-Marke kratzt - keine guten Aussichten also für das Verschwinden von Zuständen wie in Jozsefvaros. Im Gegenteil: Teil des angrenzenden siebten Bezirks Erzsebetvaros sehen mittlerweile genauso aus (Was noch vor einigen Jahren nicht der Fall gewesen zu sein scheint).

Zufällig in dieses Viertel geraten zu sein war sicher ein wichtiges Bildungserlebnis - es hat meinen Blick auf den Wohlstand Europas sehr relativiert und mir klargemacht, dass man nicht weit gehen muss, um wirkliches Elend zu sehen, im Vergleich zu dem Österreich in sozialer Hinsicht im Grunde nur Luxusprobleme hat.
Nun ist Jozsefvaros - zusammen mit Teilen von Erzsebetvaros - allerdings natürlich ein sehr extremer Bezirk und nicht repräsentativ für die gesamte Stadt Budapest, die ihren Beinamen "Paris des Ostens" nicht umsonst trägt. Die Gründerzeitboulevards, die phantastische Donaupromenade mit den historistischen Prachtbauten und die mondäne Altstadt von Pest stehen Paris wirklich nicht in viel nach. Es wäre unfair von mir, nach der düsteren Momentaufnahme von Jozsefvaros nicht auch die zahllosen herrlichen Seiten der ungarischen Metropole zu erwähnen: Die wunderschönen Barockkirchen. Die gepflegten Parks und Uferwege. Die Einkaufs- und Restaurantstraßen der Altstadt. Die stimmungsvollen Jugendstilviertel rund um den Ring. Oder aber den enormen kulturellen Reichtum der Museen der Stadt, der ungarischen Nationalgalerie, des Nationalmuseums, des Museums für moderne Kunst und ganz besonders des Szepmuveszeti Muzeum (Museum für bildende Künste). Dass diese Sammlung so vergleichsweise wenig beachtet wird, ist eine Schande - denn es handelt sich dabei zweifellos um eine der hochrangigsten Kunstsammlungen der Welt.
Das Szepmuveszeti Muzeum ist in eine Gemäldegalerie, eine Sammlung griechisch-römischer Antiken und eine Sammlung altägyptischer Kunst gegliedert, dazu kommen regelmäßig Sonderausstellungen (Momentan eine sehr sehenswerte Turner-Schau). Die Eintrittspreise sind sehr fair, für die ständigen Sammlungen habe ich 700 Forint (Etwa 2,50€) bezahlt (Zum Vergleich: Die etwa gleichrangige Sammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien kostet für Studenten 7,50€, für Nichtstudenten gar 10€ Eintritt). Obwohl die Sammlungen im Wesentlichen nicht durch systematische Ankäufe entstanden sind, sondern durch die Aufnahme mehrerer bedeutender Privatsammlungen entstand (Von denen die des Fürstenhauses Esterhazy 1871 die bedeutendste war), bietet das Haus einen erstaunlich geschlossenen Überblick über die europäische Kunstgeschichte, in jeder Epoche finden sich herausragende Vertreter: Die exzellente Sammlung italienischer Renaissancemalerei hat Werke von Giotto, Duccio di Buoninsegna, Fra Angelico, Ghirlandaio, Carlo Crivelli, Raffael, Correggio, Tizian, Tintoretto, Bronzino, Vasari, Bordone, Veronese und vielen anderen zu bieten (Auch einen wohl teilweise eigenhändigen da Vinci), in der Sammlung altdeutscher Malerei gibt es herausragende Gemälde von Dürer, Holbein, Grien, Altdorfer und Strigel. Höhepunkte der flämischen und altniederländischen Sammlung sind Werke von Joos van Cleve, Jan van Eyck, Hieronymus Bosch, Quentin Massys, Hans Memling, Pieter Aertsen, Brueghel ,Rubens und van Dyck. Bei den Franzosen stechen Champaigne, Poussin, Lorrain und Greuze hervor, die riesige Sammlung niederländischer Malerei des 17. Jahrhunderts (Die größte Sammlung dieses Bereiches, die ich kenne) glänzt mit drei Rembrandts. Ein besonderer Anziehungspunkt war für mich die Sammlung spanischer Malerei, die neben Zurbaran, Murillo, Ribera und Goya die größte Sammlung von El Grecos beherbergt, die ich bisher gesehen habe. Seltsamerweise sind die meisten El Grecos erst nach 1945 erworben worden - weiß Gott, woher das völlig verarmte kommunistische Regime in den 50er Jahren die Devisen hatte, im Westen erstklassige Alte Meister einkaufen zu können.

Die meisten kulturellen Einrichtungen liegen in Pest, dem größten der drei Teile, aus denen 1873 die Stadt Budapest zusammengesetzt wurde: Pest, Buda und Obuda. Buda war die eigentliche städtische Keimzelle und am frühesten besiedelt, hier finden sich mit der Burg und der gotischen Matthiaskirche (Für die man übrigens unverschämterweise Eintritt zahlen muss) die ältesten Baudenkmale der Stadt. Dennoch geriet Buda bald ins Hintertreffen gegenüber Pest, denn zum einen verlor Buda durch die lange osmanische Besatzung seine politische Bedeutung, zum anderen wurde es, als im Zuge der Industrialisierung die Einwohnerzahlen rasch stiegen, durch seine hügelige Lage an einem Berghang stark im Wachstum behindert, während das in einer Ebene gelegene Pest sich frei ausdehnen konnte. So ist auch heute noch Pest großstädtisch, laut, schmutzig und aufregend, Buda dagegen ruhiger, vornehmer, sicherer, grüner und beschaulicher. Je nachdem, ob einem gerade eher nach Urbanität und Stadtleben oder nach Ruhe und Natur der Sinn steht, kann man einfach die Donauseite wechseln.

Noch ein Wort zu Essen und Wohnen in Budapest: Verglichen mit Westeuropa sind die Preise in Ungarn ziemlich niedrig, ein Brötchen kostet üblicherweise 15 Forint (Etwa 5 Cent), eine kleine warme Mahlzeit in einem einfachen Restaurant oft nicht mehr als 900 Forint (Etwa 3 Euro), und ein Einzelzimmer in einem einfachen Hotel ist auch in der Innenstadt leicht für rund 25 Euro pro Nacht zu finden. Nach spezifisch vegetarisch/veganen Restaurants habe ich nicht gesucht, aber überall gibt es asiatische Schnellrestaurants mit extrem günstigen Tofu- Reis- und Gemüsegerichten, und in den Supermärkten (Die oft 24 Stunden am Tag geöffnet sind) finden sich genug vegane Lebensmittel, auch Sojamilch, Sojapudding etc. gibt es überall, kurz: Man muss auch als Veganer in Budapest nicht verhungern smilie

Alles in allem eine sehr widersprüchliche Stadt, eine Mischung aus Paris und Slum, aus Kulturzentrum und Kloake, aus Metropolen- und Kleinstadtgefühl und siche einer interessantesten Städte Europas.

Hier übrigens Bilder von der Pride.