10 Juni 2009 - 23:51 -- Waldelb

Stillen

Stillen ist in erster Linie eine einfache Möglichkeit sein Kind zu ernähren, now and then. Aber es hat auch weitere Funktionen: Es hilft auf vielerlei Wege einen Immunschutz aufzubauen, der auch heutzutage nicht über Flaschennahrung imitiert werden kann: Es befinden sich in der Muttermilch beispielsweise Immunzellen des mütterlichen Immunsystems. Auch wird das Stillen an der Brust von Forschern als einer der wichtigsten ersten sozialen Kontakte, psychologisch wie physisch, angesehen. Bei unseren Vorvorvorvorvätern sowie in der Tierwelt dient es auch als Verhütungsmethode, denn so lange gestillt wird, ist die Frau eigentlich nicht empfänglich. Nicht zuletzt hat Stillen auch einen positiven Effekt auf den Metabolismus der Mutter und kann vor Krankheiten schützen, so haben Studien ergeben, dass Frauen die mindestens ein Kind gestillt werden deutlich seltener an Brustkrebs erkranken.

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Interessant ist, dass die Stillrate von Frauen sehr von der Außenwelt abhängig ist, also durch Traditionen und die Gesellschaft bestimmt wird. So stillen lateinamerikanische Frauen am meisten, Schwarze hingegen am seltensten und Weiße liegen im Mittel.
1965-1970 haben weniger Frauen gestillt als 10 Jahre davor. Gründe waren aufkommende Emanzipation, ein größerer Anteil berufstätiger Frauen oder die Tatsache, dass es 1970 als wohlhabend galt sich künstliche Babynahrung zu leisten. Heutzutage stillen wieder mehr Mütter. Faktoren könnten ein neues Selbstbewusstsein der Frauen sein, auch der back to nature Trend spielt eine Rolle. Möglicherweise ebenfalls durch die Tatsache, dass immer mehr Vorteile des Stillens bekannt werden.
Früher (1960) war es auch so, dass ein hoher Bildungsgrad eher zu Ernährung durch die Falsche führte, heute ist bei mittlerer Ausbildungsdauer die höchste Bereitschaft vorhanden. Mehr oder weniger Schulbildung führt im Gegensatz dazu zu einem größeren Anteil stillender Frauen.

Biologisch gesehen übernimmt das Stillen noch weitere Rollen als die reine Ernährung des Babys: Durch die gegenseitige Körperwärme konnten Neugeborene vor Hypothermie geschützt werden, außerdem sind die kleinen Säuglinge besser vor Feinden geschützt wenn sie mit der Mutter rum getragen wurden, als wenn sie alleine durch die Höhle kullern. Zudem war gesichert, dass konstant genügend Nahrung vorhanden war (so lange die Mutter nicht vom Verhungern bedroht war). Bei Zeiten geringerer Hygiene war der Effekt auf das Immunsystem natürlich auch noch wichtiger. Nicht zuletzt dann die Geburtenkontrolle und die übertragenen sozialen Fähigkeiten durch diese enge Bindung.

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Beim Stillen beeinflussen sich Mutter und Kind gegenseitig: Das Verhalten der Mutter, visuell, vokal und mechanisch, sowie der entstehende Hautkontakt führen im zentralen Nervensystem des Babys dazu, dass nach den Nippel gesucht wird. Es beginnt zu saugen, wenn es diese gefunden hat. Dies wiederum führt bei der Mutter zur Laktation, Milch wird produziert, Mutterinstinkte angeregt. So genügt manchmal schon das Schreien des Babys, der Geruch oder das Ansehen des Kleinen um einen Milchfluss hervor zu rufen.

Während der Schwangerschaft flutet eine Vielzahl von Hormonen den Körper der Mutter, Dosis und Zusammenspiel lassen auch solche zur Laktation beitragen, die sonst Funktionen zur Regulation des Metabolismus übernommen haben (z.B. Wachstumshormone, Corticosteroide, Thyroxin, Insulin und das humane Plazentalaktogen) oder solche die schon von jeher für die Reproduktion tätig waren. So z.B. Östrogen, was in der Pubertät das Brustwachstum stimulierte und nun den Befruchtungsvorgang unterstützt oder zu Beginn der Schwangerschaft die Synthese von Prolakin sowie die Sensibilisierung des Uterus für Oxytocin fördert (wodurch die Kontraktionen während der Geburt ausgelöst werden).
Prolaktin sorgt dann für das erneute Wachstum der Brust und später für die Laktogenese (Milchbildung). Diese Funktion wird aber durch die hohe Konzentration von Östrogen in der Schwangerschaft unterdrückt. Nach der Geburt fällt der Östrogenspiegel innerhalb weniger Stunden ab und Prolaktin wirkt; Milch wird produziert. Oxytocin hingegen sorgt für die Milchejektion beim Saugen des Kindes indem es umgehend in der Hypophyse ausgeschüttet wird, was Myoepithelzellen (kleine kontraktile Zellen, sozusagen Mini-Muskeln) in der Brustdrüse zur Kontraktion bringt und so Milch einschießt. Das Baby ,,melkt" den Nippel also nur indirekt. Interessant ist übrigens, dass Oxytocin auch bei genereller Reizung der Geschlechtsorgane ausgeschüttet wird und so theoretisch auch Milchfluss angeregt werden kann.

Wie passiert es eigentlich, dass die weibliche Brust auf einmal Milch geben kann?! Was verändert sich da genau? Mammogenese: Während der Pubertät sorgt das vermehrt gebildete Hormon Östrogen für das Wachstum der weiblichen Brüste und des Ductus systems, während Progesteron die Bildung des sezernierenden (Sekret abgebenden) Gewebes anregt. In der frühen Schwangerschaft wird dann das Ductus system unter dem Einfluss verschiedener Hormone (allen vorneweg: Prolaktin) fertig ausgebildet, während in der späten Schwangerschaft die Milchbläschen gebildet werden.
Dann kommt es zur Laktogenese. Nach der Geburt und dem Absinken des Östrogen- und Progesteronspiegels teilen und differenzieren sich Zellen der Brustdrüse und Milchkomponenten werden in den neuen Milchbildungszellen synthetisiert. Es findet die erste Milchsekretion statt. Das so genannte Kolostrum, die erste gebildete Milch, unterscheidet sich in Aussehen und Zusammensetzung von der Milch, die normalerweise während der Laktation gebildet wird.
Für die weitere Produktion von Milch und für die Freisetzung zur richtigen Zeit sind vor allem zwei der oben genannten Hormone verantwortlich: Prolaktin, welches die Milchstimulation in den Milchdrüsen fördert und Oxytocin, welches für das Einschießen der Muttermilch verantwortlich ist. Ein Teil der in der Milch vorhandenen Kohlenhydrate, Lipide und Proteine wird direkt in den Milchbildungszellen produziert und in Wasser ausgeschieden. So entsteht Milch.
Über die Milchdrüsen wird sie, nach Kontraktion des drum herum liegenden Myoepithels (Oxytocin!) in die Kanälchen gegeben, welche schließlich in größere Kanälchen führen und dann im Nippel enden.
Ein weiterer Teil der Nährstoffe, ebenso alle notwendigen Mineralstoffe und Vitamine, treten direkt aus dem Blutplasma der Mutter in die produzierte Milch über. Hier könnten auch Giftstoffe übertragen werden, worüber sich eine stillende Mutter im Klaren sein sollte. Die Muttermilch steht im ständigen Kontakt mit dem Magen-Darm-Trakt, der Leber und dem Fettgewebe.
Im Laufe der Stillzeit passt sich der Körper der Mutter an den erhöhten Bedarf des Kindes an: werden am ersten Tag noch ca. 50 ml Milch erzeugt, sind es am 4. Tag schon 500 ml und nach drei Monaten bereits 850 ml. Galaktopoese (die Forsetzung der Milchsekretion) hängt weiterhin von der Synthese von Hormonen Oxytocin und Prolaktin ab, außerdem muss konstant Milch entnommen werden. Ansonsten stellt sich die Produktion ein. Dies nennt man Involution. Es wird stets weniger Milch synthetisiert und nach vollkommenem Verebben bilden sich schließlich wieder die Milchdrüsen zurück. Die Kanälchen und Drüsen werden durch Bindegewebe und Fett ersetzt.