29 Dezember 2008 - 00:00 -- Fabian

Sandro Botticelli (1445-1510)

Boticelli


Selbstbildnis des Künstlers



Wie widerlegt man am Geschicktesten ein über einen Künstler herrschendes Klischee? Indem man dieses Klischee Punkt für Punkt seziert, diskutiert und widerlegt? Oder doch, indem man es in seiner Besprechung konsequent ignoriert und mit einer solchen Selbstverständlichkeit nur von den weniger bekannten, meist aber höher anzurechnenden Seiten seines Schaffens spricht, dass der Leser sich schämt, diesen Künstler so falsch beurteilt und seine ernsthaftesten Arbeiten unter der Last des Vorurteils gar nicht zur Kenntnis genommen zu haben?

Ich neige zur zweiten Methode, aber Botticelli macht es einem hier wahrlich nicht leicht, so meterdick liegt er begraben unter dem Klischeebild des feinen Venusmalers, millionenfach reproduziert auf Kaffetassen, Postern, Mauspads und Parfümflaschen. Es ist also unvermeidlich, einige Worte zum Klischee-Botticelli zu verlieren.

Es hat lange gedauert, bis Botticelli sich in der Kunstgeschichte einen großen Namen ergattern konnte, im 17. und 18. Jahrhundert war er nahezu vergessen, viele seiner Bilder verstaubten in Gerümpelkammern und obskuren Provinzsammlungen. Erst das 19. Jahrhundert entdeckte ihn neu und lernte ihn wirklich zu schätzen, aber trotzdem hat er nie denselben Rang wie die anderen Großmeister der italienischen Renaissance bekommen, niemand stellt ihn Michelangelo, Raphael und Leonardo da Vinci an die Seite. Botticelli gehört - was ja durchaus kein Fehler sein muss - nach wie vor zu den Künstlern, die von der breiten Bevölkerung höher geschätzt werden als von den Intellektuellen und Kunsthistorikern. Woran liegt das? Zum Einen - da muss man sich bei aller Liebe zu Botticelli nichts vormachen - daran, dass er stilistisch tatsächlich sehr viel weniger eigenständig war als die oben genannten Titanen. Botticellis Stil unterscheidet sich von dem anderer respektabler Quattrocento-Meister wie Ghirlandaio, Lorenzo di Credi oder Filippino Lippi nicht so fundamental, dass ein zerstreuter Museenbesucher ihre Werke nicht schon einmal verwechseln könnte.

Trotzdem steht er technisch klar über all diesen Künstlern, er erreicht schon als junger Mann in seinen frühen Madonnen eine miniaturhafte Feinheit und Präzision, die ihm bis ins späte 16. Jahrhundert niemand nachmachen konnte, erst recht nicht in so großformatigen Gemälden. Die technische Qualität und stilistische Feinheit seiner Gemälde ist meisterhaft, in vielen Punkten unerreicht - nicht sie hat ihn ein wenig in Misskredit gebracht, sondern die eigenartige Diskrepanz zwischen staunenerregender technischer Meisterschaft und einer gewissen inhaltlichen Leere und Ödnis. Seine Madonnen sind Wunderwerke künstlerischen Könnens, zum Niederknieen schöne Kostbarkeiten - aber sie reproduzieren nur immer wieder und wieder dieselben Darstellungsstereotype, die seit Jahrzehnten unverändert von Dutzenden Malern übernommen wurden, nicht zuletzt von seinem Lehrer Fra Filippo Lippi, ohne dass er ihnen irgendeine selbstständige, neue Idee zufügen könnte.

Madonnenbildnis


Madonnenbildnis


Madonnenbildnis



Botticellis frühe und mittlere Werke - und zwar, so leid es mir angesichts der puren Schönheit dieser Werke tut das sagen zu müssen: Auch die "Geburt der Venus" und der "Frühling" gehen bei allem Können nicht über zwar wunderschöne, aber eben doch oberflächliche, geschmäcklerische Dekorationskunst für eine Schicht dekadenter, reicher Mäzene, die entzückende Schmuckstücke für die Ausstattung ihrer Stadtpaläste suchten (Und oft ein lächerliches Kunstverständnis hatten - gerade in der italienischen Renaissance war Kunst - besonders so teure Kunst wie die Botticellis - schon durchaus als protziges Statussymbol geschätzt), hinaus.

Venus


Die Geburt der Venus



Frühling


Der Frühling



Wir haben hier Gemälde für die reichen, sorglosen Mitglieder einer Oberschicht vor uns, die nach heiteren Sujets für ihre Speise- und Gesellschaftssäle suchte, nach Möglichkeit mit antiken Anspielungen, um seinen Besuchern zu zeigen, dass man nicht nur reich und kunstsinnig, sondern auch ein Mann von humanistischer Bildung sei. Bald ist Botticelli unter den reichen Florentiner Patriziern der gefragteste Portrait- und Dekorationsmaler der Stadt. Es passt gut zu dieser Kunst, dass Botticelli seine Laufbahn nicht als Künstler begann, sondern mit einer Lehre als Goldschmied, während derer er die Grundsätze dekorativen Gestaltens und Ornamentierens verinnerlichte. Erst mit 19 Jahren - für damalige Verhältnisse sehr spät - trat er bei Fra Filippo Lippi in die Lehre ein, um Maler zu werden. Weiterhin schuf er reizende Kostbarkeiten für wohlhabende Kunden - nun nicht mehr gegossen und getrieben, sondern gemalt. "Die Geburt der Venus" und der "Frühling" sind die im Guten wie im Schlechten extremste Ausprägung dieser Kunst, und sie sind es, die zu Botticellis Wiederentdeckung führten und ihn heute zu einem der populärsten Künstler aller Zeiten machen. Die absolute Dominanz, die diese beiden Gemälde in der breiten Botticelli-Rezeption ausüben, trübte zweifellos so manchem Kunsthistoriker den Blick, hinderte ihn daran, näher hinzusehen und sich mit den ernsteren, tieferen, anspruchsvolleren Gemälden Botticellis zu befassen - denn die gibt es durchaus.

Was Botticelli über den Rang eines feinen Dekorationskünstlers, der er bis um 1490 gewesen war, weit hinaushebt, sind die in der Spätphase, in den letzten Jahren des 15. und den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts entstandenen Gemälde religiösen Inhalts. Die 1490er Jahre waren eine aufregende Zeit in Botticellis Heimat, der reichen und kunstfreudigen Stadtrepublik Florenz: Die Medici, eine Bankiersfamilie von phantastischem Reichtum, die durch Bestechungen, Betrug und Demagogie im frühen 15. Jahrhundert die freiheitliche Verfassung der Republik aus dem Weg geräumt und ihr jeweiliges Familienoberhaupt zum faktisch uneingeschränkten Tyrannen gemacht hatte, aber wegen ihrer großzügigen Sozialmaßnahmen und Kunstförderung dennoch hohe Beliebtheit erreichte, hatten die Herrschaft verloren, die alte Verfassung wurde wiederhergestellt, ständig bedroht von einer Rückkehr der Medici oder der Machtübernahme einer der anderen reichen, nicht weniger ehrgeizigen Patrizierfamilien (Man denke an die Pazzi, die 1478 vergeblich den Staatsstreich gewagt hatten, von Auftragsmördern einen der beiden regierenden Medici-Brüder während der Messe im Dom von Florenz regelrecht abschlachten ließen, aber durch die geglückte Flucht des zweiten scheiterten und mit einer Welle von Massenhinrichtungen grausam bestraft wurden). Noch dazu wimmelte es in Norditalien von fremden Truppen - kaiserlich deutsche, französische, schweizerische, päpstliche und spanische Söldner kämpften in ständig wechselnden Koalitionen um die Vorherrschaft im zerrissenen, in Kleinstaaten zersplitterten Land, stets begierig, neue Fürstentümer und Republiken zu schlucken, dazwischen - um das Chaos zu vervollkommnen - die Pest der Condottieri, italienische Offiziere, die sich selbstständig gemacht hatten und auf eigene Rechnung Söldner warben und an die meistbietende Partei vermieteten, manchmal auch auf eigene Faust mordend und plündernd durch das Land zogen.

Mitten in diesem Chaos tritt in Florenz eine ungemein charismatische Gestalt aus dem Nichts hervor und legt eine beispiellose, unglaubliche Karriere hin: Girolamo Savonarola, ein einfacher Mönch ohne Reichtum, Titel und gesellschaftliche Stellung, hält auf den öffentlichen Plätzen der Stadt flammende, elektrisierende Reden, in denen er die Dekadenz, die Verschwendungssucht, Grausamkeit und moralische Verkommenheit der Reichen und Mächtigen anprangert, ihnen vorhält, nicht nur Gott zu missachten und zu beleidigen, sondern das Volk zu erniedrigen und auszupressen, um sich ein lustiges Leben mit fressen, saufen, huren und Kunstgenuss leisten zu können. Savonarola fordert eine Rückkehr zum Urchristentum, eine arme, gleiche, brüderliche und barmherzige Gemeinschaft der Gläubigen, für die nur Frömmigkeit, Nächstenliebe und Weltverachtung von Bedeutung sein sollen. Die Reichen sollen enteignet, der Privatbesitz abgeschafft werden, jedes Gut jedem gehören. Im Laufe der Zeit erreicht er durch seine enorme rhetorische Begabung, sein Charisma und seinen asketischen, unangreifbaren Lebensstil eine solche Verehrung unter der breiten Bevölkerung, dass er faktisch zum unumschränkten Alleinherrscher der Stadt aufsteigt, ohne aber offiziell irgendein Amt zu bekleiden. Das lebenslustige, kunstsinnige, reiche und fröhliche Florenz wird zum asketischen Gottesstaat. Savonarola ruft die Florentiner dazu auf, all ihre teuren Kleider, ihre Schminke, ihren Schmuck, ihre kostbaren Bücher und Gemälde und alle anderen Luxusgegenstände auf öffentlichen Plätzen zusammenzutragen und mit ihnen einen "Scheiterhaufen der Eitelkeiten" zu entzünden, aus dem die Stadt geläutert hervorgehen soll. Tausende folgen dem Ruf, bergeweise werfen sie Ringe, Ketten, Seiden- und Brokatgewänder, Spangen und Schnallen, Wandteppiche und Gemälde in die Flammen. Einer von ihnen ist Botticelli.

Wir wissen, dass Botticelli Savonarola mehrmals predigen hörte und davon so mitgerissen war, dass eine tiefe innere Umkehr in ihm einsetzte. Er, der Kunstlieferant der Großen und Reichen, wird zum tiefreligiösen Christen, er wird schweigsam, ernst, in sich gekehrt, beginnt, den Luxus zu verachten, schämt sich für seine profanen, frivolen Gemälde - und wirft zum Zeichen seiner Reue mehrere davon ins Feuer. Savonarolas Herrschaft ist nur von kurzer Dauer, bald wird er gestürzt und folgt den Schmuckstücken und Luxusgewändern auf den Scheiterhaufen nach, ja, sogar die Medici kehren zurück und übernehmen bald mit Hilfe fremder Truppen wieder die Herrschaft, legen nun jede republikanische Bemäntelung ab und gerieren sich ganz offen als absolute Fürsten. Botticellis Wandlung aber bleibt - bis zu seinem Tod im Jahre 1510 wird er nur noch ein einziges profanes Gemälde schaffen, ansonsten kommen aus seiner Werkstatt nur noch religiöse Themen, darunter um 1495 ein Meisterwerk von solcher Ernsthaftigkeit und Kraft, dass es reichen würde, jede künstlerische Fragwürdigkeit seiner früheren Gemälde tausendfach auszugleichen: Die heute in der Alten Pinakothek in München befindliche "Beweinung Christi".

Beweinung_Christi


Die Beweinung Christi, hier auch als große Version.



Beweinung_Christi_Details


Bilddetails



Es fällt mir nicht leicht, über dieses Bild in nüchternen Worten zu schreiben. Ich habe es schon dutzende male besucht, aber nie kann ich mich in weniger als einer halben Stunde davon loseisen, und niemals kann ich es verlassen, ohne eine tiefe Empfindung mitzunehmen. Es ist das emotional bewegendste, berührendste der gesamten Kunstgeschichte Bild, das ich kenne - und das einzige Bild, das mich, den überzeugten Atheisten, tatsächlich zum Weinen gebracht hat.

Diesen ungeheuren Effekt erreicht Botticelli durch das Auslassen aller Klischees: Christus ist kein bärtiger Gottessohn, sondern ein blühendschöner, edler junger Mann, der gerade brutal aus seiner hoffnungsvollen Lebensbahn gerissen wurde. Maria Magdalena ist keine Andacht und Erbauung suchende Büßerin, sondern eine ebenfalls atemberaubend schöne junge Frau, die gerade ihren Geliebten verloren hat, mit geschlossenen Augen neben ihm kniet, seinen toten Kopf in Händen hält. ihn weinend küssen und ihm mit halbgeöffneten Lippen etwas zuflüstern will - nicht ihre Gottesfurcht, sondern ihre Liebe, nicht die Liebe zu einem abstrakten, fernen Gottwesen, sondern die erotische, leidenschaftliche Liebe zu einem Menschen aus Fleisch und Blut. Die Jungfrau Maria dagegen steht in Resignation und Leere da, sie scheint gerade in Ohnmacht zu fallen, nichts richtet sie noch auf. Sie sieht keine Hoffnung, keinen Stolz, keine Befrieidigung über die Himmelfahrt ihres göttlichen Sohnes - sie ist einfach nur eine gebrochene, alte Frau, die vor der Leiche ihres geliebten Sohnes steht und weiß, dass ihr Leben ohne ihn keinen Sinn mehr haben wird.

Gerade durch diese krasse Missachtung kirchlicher Dogmen, durch diese Vermenschlichung der Dargestellten mit allen emotionalen Facetten von zärtlicher Trauer über Resignation bis hin zu rasender Wut und Rachewünschen rettet Botticelli den religiösen, ergreifenden Charakter der Passionsgeschichte. Christus und die Seinen sind hier kein Klischee, keine blutleeren Dogmen, die zur Karikatur und Parodie reizen. Jedem fühlenden Menschen, sei er Christ, Atheist oder was immer, bleibt bei diesem Bild die Spottlust im Halse stecken, er muss einfach Mitleid - grenzenloses, maßloses Mitleid bis hin zu echtem Schmerz - darüber fühlen, dass diese unsäglich schönen, guten und edlen Menschen von einem rohen, brutalen Mob grundlos, aus Neid und Sadismus, in Tod und Unglück gestürzt wurden. Wenn es tatsächlich die Kraft des christlichen Glaubens war, die ein solches Meisterwerk, eine so bewegende Darstellung dessen, was an Menschen gut und edel sein kann, möglich gemacht hat - dann ist sogar ein Erzatheist wie ich geneigt, dem Christentum gegenüber einmal ein Auge zuzudrücken.