11 Dezember 2008 - 00:00 -- Thanil

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Die Geschichte des Kongo

Da vor kurzem wieder der Bürgerkrieg im Kongo aufflammte, habe ich mich mal schlau gemacht und ein paar Puzzleteile zusammengesetzt.

Derzeit macht ein kongolesischer Kriegsherr namens "Nkunda" Schlagzeilen, weil er im Osten der Demokratischen Republik Kongo Städte und Territorium erobert und der kongolesischen Regierung unter Laurent Kabila das Leben schwer macht. Hunderttausende von Menschen sind geflohen und UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon möchte tausende zusätzliche Blauhelme in die Region entsenden, die bereits seit vielen Jahren von der UNO-Mission MONUC überwacht und "befriedet" wird.

Hä? Raff ich nicht. Was geht da ab??

Teil 1: Die Geschichte des Kongo-Gebiets bis zur Errichtung der Mobutu-Diktatur

Um die Kongo-Konflikte zu verstehen, muss man weit, weit in die Vergangenheit blicken. Die Region beiderseits des Kongoflusses war die letzte afrikanische Region, die von europäischen Entdeckern betreten und danach kolonisiert wurde.

Since the 15th century, European explorers had sailed into the broad Congo estuary, planning to fight their way up the falls and rapids that begin only 100 miles (160 km) inland, and then travel up the river to its unknown source. All failed. The rapids and falls, had they known it, extended for 220 miles (350 km) inland, and the terrain close by the river was impassable, and remains so to this day so that no one can pass. Repeated attempts to travel overland were repulsed with heavy casualties. Accidents, conflicts with natives, and above all disease saw large and well-equipped expeditions got no further than 40 miles (60 km) or so past the western-most rapid, the legendary Cauldron of Hell.


Topographie



Man muss sich das einmal vor Augen halten! Der Kongo-Fluss mündet direkt in den Atlantik, und trotzdem gelang es keinem europäischen Entdecker, NIEMANDEM, und zwar für VIERHUNDERT JAHRE seit dem 15. Jahrhundert, mehr als 160 km in das Inland vorzudringen!

Erst 1867 gelang die Durchquerung des Kongo-Gebiets, aber nicht von der Meeresseite aus, sondern von Osten her. Die Karte zeigt nicht die Grenzen der Demokratischen Republik Kongo, sondern den Kongo-Fluss mit sämtlichen Zuströmen. Der Fluss ist 4.400 km lang und der zweitwasserreichste der Erde (nach dem Amazonas in Südamerika).

Das Privat-Königreich


Die Kolonisierung selbst begann erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wie es aussieht, waren zwei Männer die Hauptschuldigen: der US-amerikanische Forscher Henry Morton Stanley, dem die Durchquerung des Kongo gelang, und der belgische Monarch Leopold II. Zum Glück für das kleine Königreich Belgien war Leopold der König einer konstitutionellen Monarchie. Er konnte also in Europa keinen Schaden anrichten. Aber blöderweise für den afrikanischen Kontinent gelang es ihm als Privatmann (!) in den "Besitz" des gesamten Kongo-Gebiets zu kommen. Als Privatmann deshalb, weil das belgische Parlament alle kolonialen Bestrebungen ihres Königs stets zurückgewiesen hatte, dieser aber auf eigene Rechnung aktiv wurde. Leopold heuerte Stanley an und gründete eine humanitäre Entwicklungshilfeorganisation (!!) namens "Association Internationale Africaine", später "Association Internationale du Congo".

Stanley gelang es mit Leopolds Unterstützung, den Weg in das Kongo-Gebiet frei zu machen, wie es heißt durch viel diplomatisches Geschick und die Überlegenheit europäischer Waffen. Das sah dann oft so aus:

Having established a beachhead on the lower Congo, in 1883 Stanley set out upriver to extend Leopold's domain, employing his usual methods: negotiations with local chiefs buying sovereignty in exchange for bolts of cloth and trinkets; playing one tribe off another; and if need be, simply shooting an obstructive chief and negotiating with his cowed successor instead.


Leider verlor das Duo Leopold/Stanley bald darauf das Monopol der Kongo-Erforschung und musste sich das Gebiet teilen mit illustren Gestalten wie Tippu Tip, einem Sklavenhändlerfürsten von Sansibar, sowie dem Gouverneur der englischen Kolonie Südafrika namens Cecil Rhodes. Dennoch gelang es Leopold II. auf der Berliner Konferenz von 1884-1885 die Oberhoheit seiner "Association Internationale du Congo" über das Gebiet namens "Kongo-Freistaat" international anerkennen zu lassen. Da Leopold der Vorsitzende und einzige Anteilseigner der "Association Internationale du Congo" war, wurde er somit de fakto zum Alleinherrscher im Herzen von Afrika.

Seine Herrschaft dauerte immerhin 23 Jahre, bis der Kongo-Freistaat im Jahre 1908 von Belgien als Kolonie annektiert wurde. Vorangegangen war ein riesiger Skandal, der sich ab ca. 1900 aufbaute, als Presseberichte und Kampfschriften in den USA und Europa veröffentlicht wurden, welche die Brutalität der Leopold'schen Ausbeutung zu Tage brachten. Es wird geschätzt, dass Millionen von Ureinwohnern durch Krieg, Massenmord, Hunger und Epidemien während Leopolds Herrschaft ums Leben kamen.

Die Kolonie Belgisch-Kongo wiederum, die von 1908 bis 1960 dem belgischen Staat gehörte, war ein Land, in dem die Ureinwohner keine politischen Rechte hatten. Sie wurden von einem General-Gouverneur regiert, der von der belgischen Regierung eingesetzt wurde. De fakto herrschte Rassentrennung, und die belgischen Kolonialherren stützten ihre Herrschaft auf die Kollaboration von Afrikanern, die etwas größer, schlanker und hellhäutiger waren und stärker als andere europäisiert wirkten. Andere Quellen sagen, dass die Kolonisten einfach diejenige Volksgruppe bevorzugten, die mehr Rinder besaß. Dies waren die so genannten Tutsi. Aber das wird erst viele, viele Jahre später (und im zweiten Teil unserer Geschichte) Bedeutung erlangen.

Die Unabhängigkeit


Leider, leider, leider war das Kongo-Gebiet schon immer überaus reich an Rohstoffen. Bekannt sind ja Diamanten und Gold, Elfenbein und andere Dinge. Weniger bekannt ist vielleicht, dass es im Kongo auch reiche Uran-Vorkommen gibt. Der wohl größte Uran-Abnehmer der Kolonie Belgisch-Kongo war während des Zweiten Weltkriegs die Vereinigten Staaten von Amerika. Das Uran, das für die beiden Atombomben von Hiroshima und Nagasaki verwendet wurde, kam aus Belgisch-Kongo. Damit war der Kongo natürlich von strategischem Interesse für die USA, ein Faktor, der wenige Jahre später sehr relevant werden würde.

In den 50er Jahren entstanden in Belgisch-Kongo zahlreiche politische Bewegungen, die eine Beteiligung der Ureinwohner an der Herrschaftsausübung bis hin zur staatlichen Unabhängigkeit von Belgien anstrebten. Eine dieser Bewegungen, die MNC, wurde von einem Mann namens Lumumba angeführt. Das besondere am MNC von Lumumba war, dass es eine nicht-ethnisch geprägte Bewegung war. Im Kongo hatten sich nämlich zwei Arten des Nationalismus etabliert: der ethnische Nationalismus einzelner Regionen und Stammesverbände, sowie der pan-afrikanisch geprägte Nationalismus des MNC. "Pan-afrikanisch" bedeutet in diesem Zusammenhang: ausgerichtet auf eine möglichst auf ganz Afrika übergreifende Politik der Emanzipation von Kolonialismus und Imperialismus unter Rückbesinnung auf die afrikanischen Wurzeln. Lumumbas Bewegung wurde aufgrund ihrer emanzipatorischen und ethnienübergreifenden Ausrichtung in der Weltöffentlichkeit als "links" angesehen.

Lumumba gewann mit seiner MNC die ersten freien Wahlen von 1960. Die meisten Kontrahenten der MNC waren Regionalparteien, die den ethnisch geprägten Nationalismus vertraten. Lumumba bildete eine Sechsparteienkoalition und wurde Premierminister.

Lumumba, Mobutu, Che Guevara und Kabila


Leider versank das Land schon bald im völligen Chaos. Zwar wurde der Kongo Mitte 1960 unabhängig, doch durch diplomatisches Ungeschick der neuen Regierung, fragwürdige Entscheidungen bezüglich der Armee und den Angriff auf weiße Kolonisten und Militärs durch revoltierende Armee-Angehörige, kam es zu einer militärischen Intervention Belgiens und völliger Unordnung in der Armee des jetzt unabhängigen Kongo. Weiße Offiziere wurden entlassen, und in Führung und Militärdisziplin unerfahrene schwarze Soldaten nahmen deren Ränge ein.

Eine Folge war die Sezession der Provinz Katanga. Diese Provinz war weit entwickelt und reich an Kupfer, Gold und Uran, und die Unabhängigkeit wurde von Belgien (wohl auch aus wirtschaftlichen Interessen) gefördert und mit 6.000 Soldaten abgesichert. Die Gendarmerie von Katanga wurde mit belgischer Hilfe zu einer Armee umgebaut. Sie bezog ihre Stärke auch aus dem Einsatz von europäischen Söldnern. Das neue Land Katanga hatte aber sofort eine eigene sezessionistische Bewegung am Hals: eine der regional-nationalistischen Bewegungen in Luba erklärte "seinen" Landesteil für unabhängig.

Lumumba erbat Hilfe von der UNO gegen die belgischen Aktivitäten und drohte damit, die UdSSR um Hilfe zu bitten. Damit war der neue Kongo natürlich sofort auf dem Radarschirm der Mächte des Kalten Krieges! Obwohl die UNO bereits Friedenstruppen entsendet hatte, bat Lumumba im August 1960 tatsächlich die UdSSR um Hilfe. Diese organisierte Luftbrücken für die kongolesischen Regierungstruppen unter dem Kommando von Lumumba zur Niederschlagung eines zweiten Aufstands in der Provinz Kasai. Dies war wohl der entscheidende Faktor, der die USA auf den Plan rief, die fortan die Rebellen von Mobutu unterstützten.

Es kam zum Putsch, der durch die Entlassung Lumumbas als Premierminister eingeleitet wurde. Der kongolesische Präsident Kasa-Vubu gehörte nämlich einer der regional-nationalistischen Parteien an. Mobutu putschte dann gegen die Staatsführung, ließ Präsident Kasa-Vubu vorerst im Amt und ließ Lumumba internieren. Lumumbas Unterstützer konnten sich im Osten des Landes in Stanleyville etablieren. Mobutu wurde von der CIA unterstützt und verwies die sowjetischen Truppen des Landes.

Die Bürgerkriegsfronten:

Bürgerkriegsfronten


Gelb = nationale Regierung in Leopoldville/Kinshasa [unterstützt von den USA]
Rot = nationale Gegenregierung in Stanleyville [unterstützt von der UdSSR]
Grün = unabhängiges Katanga
Blau = autonomer Minen-Staat Südkasai

Es heißt, dass der inhaftierte Lumumba von Schergen Mobutus gefoltert und letztlich unter Duldung und sogar Präsenz von belgischen Offizieren ermordet wurde.

Es folgten Jahre der politischen Instabilität, der regionalen Aufstände und internationalen Machtspiele. 1965 konnte Mobutu mit Hilfe der CIA die Macht im Lande an sich reißen und eine Diktatur errichten. Etwa zu der gleichen Zeit traf Che Guevara im Kongo ein und unterstützte den jungen Rebellen Laurent-Desire Kabila in dessen Kampf gegen Diktator Mobutu.

Fortsetzung folgt