12 September 2008 - 20:10 -- Nichtraucher

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Sarah Palin und der Geist des vergangenen Parteitages

Sarah Palin, Präsidentin auf Lebenszeit, überflog gerade die Liste der Exekutionen zur Feier des 10. Jahrestag ihres Regierungsantritts, als sie das unangenehme Gefühl verspürte, jemand stünde hinter ihr. Instinktiv drehte sie den Kopf, aber da war nur das 12 x 12 Fuß große Sternenbanner mit dem großen goldenen Stern in der Mitte, der für Alaska steht, sonst nichts. Ich arbeite zuviel, dachte sie. Rasch wandte sie sich wieder ihren Kindern zu, die vor ihrem Schreibtisch standen, in Hab-Acht-Stellung wie üblich. Nichts anmerken lassen, das geht vorbei, ermahnte sich die mächtigste Frau der Welt. Entschlossen zeichnete sie die Liste mit den endlosen Namensreihen ab und reichte sie Track. "Mach das fertig, Schatz, und wir brauchen mehr Schwule, da sind ja diesmal kaum Schwule dabei, die Leute wollen aber Schwule, am besten Pärchen, hast du verstanden?"

Ihr ältester Sohn wand sich auf der Stelle, während er die Liste ungeschickt zusammenfaltete, "Ja, Mom, aber Mom, wir... sie gehen uns aus, die Schwulen. Wir haben zuviele terminiert in den letzten Jahren. Gibt kaum noch welche. Zuletzt hatten wir schon Fake-Schwule, am Tag der Luftwaffe..." Seine Mutter schaute ihn streng an, Track fing an zu schwitzen, "Die 12 katholischen Militärpfarrer, die wir angeblich in der Airforce-Sauna von Santa Monica erwischt haben?" - "Ja?" Sarah Palins Blick war unergründlich. "Äh, das waren illegale Einwanderer, Mexikaner, glaube ich wir haben ihnen gesagt, dass sie..." - "Na, passt doch." schnitt Palin ihrem Sohn das Wort ab, "Illegale wollten wir eh noch auf die Liste setzen. Bristol?" - "Ja Mom?" Bristol Palin, Chefin der wahrscheinlich effektivsten Geheimpolizei der Welt und rechte Hand der Präsidentin, blickte auf.

Ihr Gesicht wirkte erschöpft, das lange Stehen ermüdete sie mehr, als sie sich anmerken lassen wollte, sie war zwar erst im siebten Monat, steckte aber die ständigen Schwangerschaften nicht mehr so einfach weg wie mit sechzehn, das musste sie sich eingestehen. "Bristol, Illegale werden auch exekutiert, aber erst nach den Feierlichkeiten. So schnell bekommen wir sonst keine neuen Putzkolonnen für die Parademeile." Die Parademeile, eine achtspurige Aufmarschstraße, die auf Ost-West-Achse durch Wasilla lief und von 90 Fuß hohen Statuen aller republikanischen Präsidenten der USA eingefasst war, war Präsidentin Palins neuestes Steckenpferd, sie sollte am anstehenden Feiertag eingeweiht werden, mit einem Durchmarsch der Eliteeinheiten, allen voran die "Glorious Guard", die persönliche Selbstmordgarde der Präsidentin. Alles sollte perfekt sein. Palin winkte Track und Bristol hinaus und wandte sich an Willow, ihre mittlere Tochter.

"Willow, Liebes, wir brauchen mehr Soldaten für das Defilée, du hast wieviel vorgesehen?" Palin raschelte mit Papier, "50 000 für den Durchmarsch und 12 000 für die Absicherungen, das ist zu wenig, das macht nichts her, ich will noch eine schwere Panzerdivison, die mit den ganz dicken Dingern!" - Nun war es an Willow, sich auf der Stelle zu winden. "Ja Mom, sicher Mom, gerne, aber die 4. Division haben wir gerade nach Holland geschickt, die Aufständischen machen uns da sehr zu schaffen, sie haben bei Utrecht schon wieder..." - "Herrgott, Kind, so kurz vor dem Fest schickst du unsere Einheiten mit den dicksten Rohren nach Europa? Können das nicht unsere polnischen Söldner erledigen?" Palin blickte sich wieder um, zum Teufel, woher kam immer dieser Blick im Rücken? "Also, was jetzt?" herrschte sie ihre Tochter an, "Krieg ich die Panzer oder nicht?" - "Weißt du Mom, in Den Haag gab es wieder einen Anschlag, vierzig Tote.. wir haben.." Die Verteidigungsministerin wurde unter dem stählernen Blick ihrer Mutter immer leiser, okay, dachte sie, du bekommst deine Rohre, mach ich Den Haag halt nach den Feiertagen dem Erdboden gleich, so wie wir es gleich damals hätten machen sollen, als die dreckigen Käsbacken ihren Bruder und seine Offiziere wegen des Neujahrsmassakers in Kabul vor den internationalen Gerichtshof stellen wollten. Ich meine, sie wussten was wir davon halten, erinnerte sich Willow grimmig, wir hatten sie gewarnt, bilaterale Abkommen my ass..

"Mom, ist was nicht in Ordnung?" Ihre Mutter wirkte in letzter Zeit etwas abgespannt auf Willow, das macht die viele Arbeit, sie hatte sich auch wirklich genug aufgebürdet, hatte die neue Hauptstadt in Wasilla fast im Alleingang geplant, kaum ein Tag verging, an dem ihre Mutter nicht auf dem Schneemobil durch die Stadt hetzte, um den Fortgang der Bauarbeiten zu überwachen, und als die Ruhmeshalle der Streitkräfte zum zweiten Mal im angetauten Dauerfrostboden wegsackte, hatte sie persönlich die Strafmaßnahmen beaufsichtigt. Das wäre eigentlich Bristols Aufgabe gewesen, dachte Willow verärgert, aber die hatte ja nur ihre Kerle im Kopf, die dumme Schlampe, und Mutter stand da im Schneetreiben bei den Exekutionskommandos, von morgens bis abends, und hatte sogar noch selber ein paar der dreckigen liberalen Saboteure weggepustet, damit sie vor der Dunkelheit fertig werden, und so was geht auch an einer Frau wie ihrer Mutter nicht spurlos vorbei. Also das Rumstehen in der Kälte, präzizierte Willow in Gedanken, nicht das Wegpusten der Saboteure, so was ließ sie hingegen jedesmal richtig aufleben.

"Willow, mach du das fertig mit dem Defilée, du machst das schon, Panzer hin oder her, ich hab noch so viel zu erledigen, bevor es los geht." Die Präsidentin hatte die Brille abgenommen und massierte sich den Nasenrücken, sie war müde, es war ein langer Tag gewesen. Vor den Fenstern senkte sich bereits die Dunkelheit herab und Trig, ihr Jüngster, gähnte verstohlen. Alles der Reihe nach, ermahnte sie sich, übergab Willow noch die Liste mit den Städten, die während der Feiertage abzuriegeln waren, also praktisch alle Ostküstenstadte, da gab es jedes Jahr Ärger mit den verdammten Liberalen, aber es wurde weniger, und seit erklärte Anhänger der Evolutionstheorie nun auch live auf Fox News exekutiert wurden, war es auch an den Universitäten stiller geworden. Es war nicht das Erschossenwerden, spann die Präsidentin ihre Gedanken weiter, es war das Entwürdigende daran, das traf die aufgeblasenen Intellektuellen ins Mark, dass sie zur Nachmittagsunterhaltung des Pöbels wurden, ja, das schreckt sie, Palin lächelte grimmig, und natürlich die Exekutionen in der Halbzeitpause der Superbowl, das war Bristols Idee gewesen, manchmal hatte die Kleine richtig gute Ideen, wenn sie nicht gerade wieder irgendwelche Schwänze lutschte, das missratene Stück. Familie, seufzte Palin innerlich, man muss sie einfach lieben, auch wenn sie faul und verludert oder einfach nur vollkommen hohlköpfig sind wie Trig, der kleine Engel. Palin wartete bis Willow die Tür hinter sich geschlossen hatte, dann winkte sie Trig zu sich heran. Sie brauchte jetzt jemanden, der keine Ahnung von der Welt hatte, jemanden, der einfach nur da war, für sie da war.

"Na Triggie, was haben wir denn heute Schönes gespielt?" gurrte sie und tätschelte ihrem Sohn die Hand. "Ich war am Vormittag in der Stadt unten und hab Angelsachen gekauft" - "Angeln, wie schön!" Palin ordnete die Papiere auf dem Tisch, draußen war es jetzt vollends dunkel geworden, es war ja auch schon fast drei Uhr nachmittags, Zeit sich zurückzuziehen und die Emails zu checken. Palin regierte hauptsächlich per Email, besonders im Winter, wenn die Hauptstadt manchmal Monate von der Außenwelt abgeschnitten war. Zuhause war es doch am Schönsten. Außerdem konnte hier Todd mit seinen Schlitten fahren und das machte ihn glücklich und er ging ihr nicht auf die Nerven.

"Und dann war ich Eisfischen mit den Söhnen von Luke vom Angelladen." fuhr ihr Sohn fort, ein aufgeweckter Bursche, dem man seine Trisomie 21 kaum anmerkte, auch wenn er natürlich, so dachte Palin schicksalsergeben, nie wie ein gesunder Mensch wird denken und leben können. Angeln mit den Söhnen von wem? Sie hatte nicht zugehört. "Wir haben über den Irankrieg gesprochen. Die Söhne von Luke finden den auch nicht gut." - "Was?" Palin schaute verwirrt auf, welcher Krieg? "Bill, also Lukes Ältester, war ja da gewesen, bis letztes Jahr, er meinte, das Amerika dort schlimmer haust als Dschingis Khan." Bill, welcher Bill? Palin versuchte sich zu konzentrieren. "Mom? Wer ist Dschingis Khan?"- "Ach Schatz, das brauchst du nicht zu verstehen." Palin sah ihren halbwüchsigen Sohn an und die Liebe schnürte ihr die Kehle zu, er war so ein unschuldiger kleiner Engel! "Ted, also der andere Sohn von Luke, sagte, dass der Einmarsch in Holland auch ein Fehler war und der Handelsboykott gegen die EU Amerika mehr Geld kosten würde als die Kampfeinsätze in Iran, Georgien, Sudan und Venezuela zusammen. Mom, stimmt das?" - "Nein, mein Schatz, das stimmt so nicht, das weiß aber jemand wie, wie heißt er, Todd, nicht, das sind ja ganz einfache Leute."

"Mom? Warum schaust du immer hinter dich? Hier ist keiner außer uns. Bist du müde, Mom?" Trig schaute sie mit seinem offenen, ehrlichen Gesicht an, er ist der Einzige, er mich wirklich liebt, dachte Sarah Palin nicht zum ersten Mal, der einzige, der nie die Hand beißen wird, die ihn streichelt. Nicht wie Piper, diese Schlange, die in den Busen biss, der sie nährte, diese Nemesis, ihre eigene Tochter, Gottes schwerste Prüfung! Das war das einzige Mal gewesen, dass ihre Hand beim Unterzeichnen einer Exekutionsanweisung gezittert hat, aber vor Gott und Amerika sind alle gleich, da darf kein Unterschied gemacht werden, auch Abraham hätte seinen geliebten Sohn geopfert, hätte Gott nicht ein Einsehen gehabt. Ach, HErr, warum hast du bei mir kein Einsehen gehabt, seufzte die Präsidentin und Oberste Erzdiakonistin der Wiedergeborenen Kirche von Amerika, warum hast du es zugelassen, dass mein eigen Fleisch und Blut ihr unschuldiges Kind abtreibt, es ermordet, die widernatürlichste und scheußlichste Tat, die man sich denken kann, und wer hat ihr eingeflüstert, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, sogar eine politische Partei wollte dieses Scheusal gründen, wo sie genau wusste, dass es in den Vereinigten Staaten von Nordamerika und Kanada, wie sie seit 2012 offiziell hießen, nur Platz für eine Partei gab, die Partei, der der Herr in seiner Güte die Regentschaft gegeben hatte, die einzige Partei, die Amerika braucht, die Republikanische Partei!

"Die Republikanische Partei ist uns Mutter und Vater!" brach es aus Sarah Palin heraus. Ihr Sohn schaute sie fragend an. "Die republikanische Partei? Oder meinst du das, was du von ihr übrig gelassen hast, Barracuda?" Sarah Palin fuhr zusammen, so hatte sie seit 10 Jahren keiner mehr genannt. Die Stimme, diese tiefe, nur allzu bekannte Stimme.. sie wagte nicht, sich umzusehen. "Die Republikanische Partei, die ich führte, zum Wahlsieg führte, Barracuda, das sind nur noch Namen auf Grabsteinen, da hast du ganze Arbeit geleistet." fuhr dieStimme in ihrem Rücken fort. Starr vor Schrecken fixierte Palin den Blick ihres Sohnens. "Darling, "Palins Stimme war heißer, "Darling, hast du das gerade gehört? Das über die Republikanische Partei?" - "Ja Mom, sie ist uns Mutter und Vater, das hast du gerade gesagt. Obwohl ich es nicht so ganz verstehe, wenn du mich so fragst. Du bist doch meine Mutter und Vater ist, glaube ich, draußen Schlitten fahren. Außerdem hast du ihn doch aus der Partei ausgeschlossen, wegen seiner Affäre mit der Tippse." Palin glaubte ihren Ohren nicht zu trauen, doch Trig schaute ihr arglos ins Gesicht.

"Hat Bill gesagt, heute im beim Fischen. Was ist eigentlich eine Tippse?" - "Na, wenigstens hast du ihn nicht gleich erschießen lassen, sieh' an, du wirst weich auf deine alten Tage, mein Mädchen." Die tiefe Stimme in Palins Rücken lachte leise. Palin beschloss, sich umzudrehen, und wenn es Beelzebub persönlich ist, Gott wird ihr beistehen! Aber sie brauchte sich gar nicht umdrehen, der späte Besucher trat aus dem Schatten der Wand. "John?" keuchte Palin, als sie das vertraute, wenn auch entstellte Gesicht ihres alten Gefährten sah. "Nein, Bill, das ist der Sohn von Luke. Vom Angelladen." Trig sprach mit seiner Mutter wie mit einem Kind. Palins Blick sprang gehetzt zwischen ihrem Sohn und der, nun ja, Leiche von John McCain, hin und her. "Aber.. das ist unmöglich!" stöhnte sie auf. "Nichts ist unmöglich für einen Republikaner!" erwiderte McCain gutgelaunt und seine herabhängenden Hautfetzen zitterten, als er lachte. Sein Gesicht war von Würmern zerfressen, seine Kleidung vermodert, dort wo die ledrige Haut bereits abgefallen war, blitzte weißes Gerippe hervor. "Das war doch immer dein Spruch, Barracuda. Nichts ist unmöglich für einen Republikaner!" McCain schien sich über seinen Witz köstlich zu amüsieren, er stand nun direkt hinter Trig, der sich langsam Sorgen um seine Mutter machte. "Mom, warum soll das unmöglich sein? Viele Leute finden auch, dass sich die Partei in zuviel einmischt. Immer geht es um die Partei. Die Leute mögen das nicht."

"Hör auf deinen Sohn, der ist anscheinend der einzig Vernünftige in der Familie. Bekloppt im Kopf, aber vernünftig. Selig sind die geistig Armen. Hast du mal einen Drink?" McCain schaute sich auf dem Schreibtisch um, Staub und Erde rieselte aus seiner Kleidung. "Ah, da ist ja was, gut." Der sehr tote Ex-Präsident der USA schenkte sich schwungvoll ein Glas vom guten Whisky für die Gäste ein, Palin hatte immer Whisky im Büro, die hohen Militärs waren mit einem Glas Single Malt viel besser zu nehmen, und sie brauchte die Zustimmung dieser Mistkerle, zumindest jetzt noch. Schlangen lauern überall, rief sie sich ins Gedächtnis, sie warten nur darauf, in die Hand zu beißen, die sie... aber halt, McCain? Warum stand er mottenzerfressen vor ihr? Sie starrte die Erscheinung an, ihre Augen folgten der Hand des Ex-Präsidenten, die ein volles Glas an den Mund führte, ihr Blick verfolgte den Whisky auf seinem Weg durch die modrige Speiseröhre, bis er in vielen kleinen Rinnsalen aus all den Löchern im verwesenden Leib des Republikaners austrat und in dunklen Flecken im Teppichboden versickerte. Das musste doch Trig auch sehen! "Trig?" rief sie, ohne den Blick von der Geistererscheinung zu wenden, "Trig, wer ist der Mann hinter dir?" - "Dämliche Frage." grunzte McCain und stieß auf. "Er sieht mich nicht." - "Welcher Mann, Mom?" Trig wirkte müde und unkonzentriert, er stand nun schon seit Stunden auf dem selben Fleck des Arbeitszimmers und wünschte sich nur, dass ihn seine Mutter endlich entließe, er musste auch noch seine Fische füttern und seinen Mailfreunden schreiben. Seit er den Sicherheitscode des Präsidentenpalastes geknackt hatte, konnte er endlich mit Menschen aus der ganzen Welt mailen, er hatte ja sonst nichts zu tun, den ganzen Tag lang. Er lebte schließlich in Wasilla, Alaska.

"Ah, so einen guten Whisky hatte ich lange nicht mehr," McCain seufzte zufrieden, "Seit, moment mal.. lass mich nachdenken..." Er kratzte sich theatralisch am Kopf, vertrocknete Haare schwebten zu Boden, "Ah ja, seit du mich exakt heute vor 10 Jahren in die Luft gejagt hast, du kleine Schlampe!" Der Whisky schien McCains Sprache zu lockern. "Es musste ja gleich ein Selbstmordattentat bei einer Truppenabnahme sein, darunter tust du es nicht, was? Und ich hatte noch nicht mal alle meine Sachen ins Weiße Haus gebracht!" McCain schaute sie mit Hundeaugen an. Palin hatte sich wieder gefasst, so kann man ihr nicht kommen, nicht in ihrem eigenen Arbeitszimmer! Dieser alte Furz, was fiel ihm eigentlich ein? "Einen Herzinfarkt hätte mir ja keiner abgenommen, das wäre zu offensichtlich gewesen." zischte sie. "Eine Bombe war viel überzeugender" - "So, ja? " entgegnete McCain scharf, "Hast du das auch den Angehörigen der 72 Marines gesagt, die mit draufgegangen sind? Die würden das sicher auch so sehen." - "Sie sind für Amerika gefallen und liegen jetzt neben dir auf dem Ehrenfriedhof, die haben alles bekommen, was sich ein so ein hirntoter Marine sein Leben lang wünscht." knurrte Palin und tastete unmerklich nach der Schublade, die ihren stets geladenen 45er beherbergte. Trig schaute sie jetzt offen verwirrt an. "Mom, welche Marines?"

"Ich werde dir mal was sagen." McCain schritt auf Palin zu und dabei zu ihrem Entsetzen einfach durch ihren Sohn hindurch, der den Besucher immer noch nicht wahrzunehmen schien. Ja wurde sie denn verrückt? War es das? Kalter Schweiß sammelte sich in ihrem Nacken, während sie so leise wie möglich die Schublade aufzog und nach dem kalten Eisen tastete. McCain setzte sich umständlich auf den Schreibtisch und goss sich noch einen großen Whisky ein. "Zwischen uns ist noch eine Rechnung offen, und ach ja, ich kann die 72 Jungs auch jederzeit herholen, wenn du magst, jederzeit!" McCain weidete sich sichtlich an Palins schreckensstarrem Blick, "Aber ich dachte, wir regeln das erstmal unter uns, nur wir beide, was Barracuda?" Wieder lachte er und spuckte hustend ein nasses Blatt aus. "Ich dachte einfach, ich komm jetzt jede Nacht zu dir und wir reden über alles, über die alten Zeiten und so.." fuhr das republikanische Schlachtross im Plauderton fort, Palins Hand schloss sich um den kühlen Griff des 45ers, "Jede Nacht, aber auch gerne mal tags, denn dass wir Untoten nur die Nacht mögen, nun ja, das ist eher Folklore..." McCain machte eine wegwerfende Handbewegung, ein Käfer flog auf Palins Schreibtischunterlage und blieb mit zappelnden Beinchen auf dem Rücken liegen. Palin zog die Waffe zu sich heran. Sie schwitzte Wasser und Blut, ihre Gedanken rasten, Zeit, ermahnte sie sich, Zeit, dem Spuk ein Ende zu bereiten, haha, lachte sie innerlich, Spuk, der war gut!

"Mom, ich würd dich lieber allein lassen, ich glaube, du bist müde." sagte Trig und blickte immer unverhohlener zur Tür. Das Zimmer versank im Dunkel. Palin mochte kein helles Licht in ihren Räumen und keiner der Angestellten wagte es, an der Beleuchtung herumzuspielen.

"Der Junge ist in Ordnung, ist der wirklich von dir?" sagte McCain fröhlich und kippte sich den vierten oder fünften Drink hinter die Binde, der Whisky formte auf Palins Schreibtisch eine kleine Flusslandschaft. "Ich glaube, den werde ich nicht so fertig machen wie dich und den Rest deiner Brut. Denn..." McCain beugte sich zu Palin vor und schwenkte das Glas vor ihrem Gesicht, "...ich werde dich fertig machen, jede Nacht und jeden Tag, du wirst nicht viel Schlaf bekommen in nächster Zeit, du alte Hexe! Das bin ich meinem Parteifreunden schuldig, die du auf dem Gewissen hat, und Amerika!" McCain lehnte sich zurück und widmte sich wieder ganz dem Whiskey. Trig schob sich derweil zentimerweise in Richtung Tür, seine Mutter schien wieder einer ihrer Phasen zu haben, in der man sie besser nicht anspricht. "Das werden wir sehen, Grandpa!" knurrte Sarah Palin, der alte Kampfgeist war wieder erwacht, wie gut sich das kalte Eisen in ihrer Hand anfühlte, neue Kraft durchströmte sie. McCain stellte das Glas hart auf den Tisch, "Barracuda..." hob er an, aber was er noch sagen wollte ging im Dröhnen des Sechsschüssers unter, Sarah Palin entleerte die Trommel in tausendmal geübter Geschwindigkeit auf die unheimliche Gestalt, Staub, Kleiderfetzen und Laub spritzte um sie herum, irgendwo fielen Bilder klirrend von der Wand, sie hörte noch ihren Sohn aufschreien, ein Schrei, in dem sich Schmerz und Erstaunen mischte, und während die ohrenbetäubenden Explosionen verklangen, schien es ihr, als würde sie noch ein leises Lachen hören, das Lachen McCains. Dann war es still. Das Zimmer war leer. Nur sie und Trig. Trig? Trig??

Als Sekunden später die schwarzgekleideten Männer der Glorious Guard ins Zimmer brachen, die automatischen Waffen im Anschlag, beleuchteten die Kegel ihrer Taschenlampen eine unheimliche Szene: die Präsidentin kniete schluchzend über dem blutenen Leichnam ihres jüngsten Sohnes, ein leergeschossener Revolver neben ihr auf dem Teppich, es roch nach Whisky, ein Glas rollte leise hin und her. Die Männer der Garde schauten sich stumm an.