09 Juni 2007 - 23:54 -- Psycho_Dad

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Per Anhalter durch die schwarzen Lande

(Eigentlich ist dieser Beitrag vor einem dunkleren Seitenhintergrund zu lesen.)


Goths beim vegetarischen Imbiss

"Vielleicht sind viele Gruftis Menschen, die nachdenklicher sind als andere"(Julia, 19, von Spon interviewte Szenegängerin).

Um dieser Geisteshaltung gerecht zu werden, muss natürlich auch mein Reisebericht über eine bloße Darstellung der Ereignisse hinausgehen und auf das Wesen der Dinge, in diesem Fall der schwarzen Szene blicken.

Die Perle an der Pleiße erreichte ich dank Deutscher Bahn mit drei Stunden Verspätung und nur durch Umstieg auf die S-Bahn. Die weite Anfahrt und der anschließende Gepäckmarsch lohnte sich nicht nur, weil P. und W. mit eisgekühlten Hefe-Drinks auf mich warteten, sondern auch, weil uns als Mitternachtsspecial noch die weltweite Live-Premiere von The Retrosic bevorstand. W. und P. sind übrigens keine Bondage-Lesben sondern Freunde von mir aus Regensburg. Das erste Konzert war gleich ein voller Erfolg, was nicht zuletzt an der stimmigen Bühnenshow lag. Klar, die apokalyptischen Cyber-Zombies hätten ihre Fahnen noch synchroner schwenken können, aber die Gogos in paramilitärischen Hotpants und die harten elektronischen Beats wussten uns einzuheizen.

Samstags begann ich den Tag mit einem Bummel durchs heidnische Dorf. Im Grunde war es halt ein Mittelaltermarkt und Mittelaltermärkte sind inzwischen Legion. Um das richtig geil zu finden, muss man, glaube ich, was kaufen wollen. Und wenn man keinen konkreten Kaufwunsch hat, fällt einem das ja immer erst zu spät ein. Wer kennt das nicht? Man kommt gerade vom Mittelaltermarkt nach hause und stellt fest: Hoppla, unsere handgeschnitzten Amulette sind alle! Silberschmuck wird auch schon knapp...

Weiter ging es für mich in die City von L.E. Für das Absinthfrühstück in der Sixtina war ich nun zu spät dran, doch die wunderbaren leipziger Fassaden konnte ich noch bewundern. In der Mädlerpassage (?) hätte ich fast Austern gegessen und fast den Auerbachskeller gesehen, während P. und W. fast ins Kino gegangen wären. Auf meinem Pfingstspaziergang fiel mir auf, wie stolz der Leipziger auf den alljährlichen Besucherstrom ist - das hatte schon etwas Wackeneskes.


Leipzig. Man orientiert sich in der Stadt am am City-Hochhaus, dem neuen Rathaus sowie bei Bedarf auch am Bundesverwaltungsgericht und dem Wintergartenhochhaus. Skyline der Sachsenmetropole

Dann ging es zurück Richtung UT Connewitz, einer kleinen Location, in der das Salonorchester Weimar aufzuspielen gedachte. Dies sollte die einzige kleinere Location des Festivals werden, in der wir die Schlange besiegten und nicht sie uns. Die weimarer Musikanten hatten eine Neuvertonung von Humperdincks romantischer Oper Hänsel und Gretel angekündigt. Mit Geige, Bratsche, Cello, Bass, Klarinette und Akkordeon spielten sie Stücke von Mozart, Bach, Schubert und vor allem Rammstein. Zwar sind nicht alle Stücke von Rammstein so toll, dass sie auf jedem Instrument gut klingen würden, doch dank sehr kreativer Bühneneinfälle und der eindrucksvollen Location gewannen wir doch ein sehr positives Bild des Auftritts.

Von den abendlichen Großveranstaltungen in die Agra-Halle erwarteten wir besonders gespannt Psyclon Nine. Mit ihrem Stilmix aus Marilyn Manson, Slipknot und Tokio Hotel rockten die noch recht jungen Kalifornier das Haus. Der stark verzerrte Gesang erzählt davon, wie der knabenhafte Sänger bzw. sein lyrisches Alter Ego vom Christentum unterdrückt wird. Das Rahmenprogramm vor Psyclon Nine war ...hm... ich sach mal, doch sehr dance- und technohaft. Rotersand gingen noch so, Front 242 dagegen setzten für mich den musikalischen Tiefpunkt des Festivals. Zuhause auf Album klingen die beiden DJs wie Kraftwerk, live dann doch etwas dynamischer, ich würde sagen wie Scooter mit Schlagzeug. Sogar Texte, Outfit und Bühnenshow erinnerten mich an Scooter (Kenne ich aus dem Fernsehen!). Das bestätigt wieder meine Theorie, dass schlechter Geschmack in Europa auf der Achse UK, Benelux, BRD zirkuliert. Wobei die Belgier schlechten Geschmack ganz anderer Prägung scheinbar auch aus Frankreich importieren, wie sich beim Mitternachtsspecial Vive la Fête zeigte. Die Combo besteht aus ein paar unbedeutenden Background-Musikern und einer Leadsängerin, die im durchsichtigen, weißen Mini-Nachthemd die Blicke auf sich ziehen soll. Die Erotik geht nicht nur durch den Gesang verloren, der klanglich stark an Neue Deutsche Welle erinnert, sondern auch und vor allem durch die exzentrische Körpersprache der Künstlerin, die sich irgendwo zwischen Jazztanz und hippiehaften Trancezuständen am Schellenkranz einordnen lässt. Die Zeitreise in die 80er sollte am Samstag aber nicht enden.



Musikfestival - das hieß für mich bisher nicht nur Kulturgenuss, sondern auch ungehemmtes Camping mit offenem Feuer, Seifenkistenrennen, Dosenbier. Nicht so am WGT! Gothic ist nicht nur Musik sondern auch ein Lebensgefühl. Und so ging es am Zeltplatz sehr beschaulich zu. Der Vorteil ist natürlich, dass keine Fahrzeuge in Flammen aufgehen und einem niemand ins Zelt rein reihert und nachts unheimliche Stille herrscht. Viele Besucher duschten sogar während des Festivals. Allerdings vermisste ich etwas den Aspekt des gemeinschaftlichen Feierns mit vorher unbekannten Leuten. Wo wir schon bei Gemeinschaft sind. Die Gesellschaft der Goten ist eine geschlossene. Ich war schon bei Rockfestivals, auf Raves und im Fußballstadion auf den Stehplätzen. Überall dort sind natürlich 100%ige Szenegänger, aber eben auch Leute, die einfach nur so dort sind, ohne aus ihrem Hobby eine Religion zu machen, so dass man auch bei Nichteinhaltung der szeneüblichen Modevorschriften nicht auffällt. Beim WGT war ich beinahe der einzige der 20.000 Gäste ohne passende Gewandung und wurde darauf auch verbal aufmerksam gemacht. Ich hoffe aber, damit einen Trend für die kommenden Jahre ausgelöst zu haben, so dass in Zukunft nicht nur die gruppeninterne Weltoffenheit hochgehalten wird. Man muss dem WGT allerdings zugute halten, dass es kein reines Musikfestival ist sondern eben ein Treffen der echten Goten, und dass die Bedeutung des Modeaspektes für die Grufties wohl höher ist als für andere Jugendkulturen.


Nur eine von euch wird Germany's next Gothmodel. Flanieren auf der Agra-Promenade.
Zebra-Look,
Dracul, der Pfähler,
Wenn
Hausfrauen die blauen Zöpfe aus dem Schrank holen


Auf dem Festivalgelände gibt es übrigens eine Flaniermeile, auf der sich die Gothic-Schickeria zum Lustwandeln einfindet. Einige Gäste kommen in Gewandung, die sich wohl kaum noch auf ein Konzert anziehen lässt, so dass gemunkelt wird, sie seien nur zum Fotografiertwerden angereist... Die weißgekleidete Prinzessin habe ich nach dem Festival noch abgeschminkt im Bahnhofsmacdonalds gesehen. Da wirkte sie dann doch wieder wie eine ganz normale Jugendliche.

Was lässt sich sonst über die Besucher schreiben? Ich hatte vor dem Festival ein recht klares Stereotyp vom Goth im Kopf. Sie, 17 Jahre, schwindsüchtig mit narbenübersäten Extremitäten. Er, 19, mangalesender Gymnasialabbrecher/Kunststudent. Beide treffen sich mit 20.000 anderen in schwarzer Uniform und Undercut, um ihren Individualismus auszudrücken. Ob sich mein Stereotyp durch das WGT bestätigt oder gewandelt hat? Keine Ahnung, soviele Festgäste habe ich nicht kennengelernt. Da ich an der Musik großen Gefallen gefunden habe, werde ich mal Augen und Ohren offen halten, und versuchen, meine vorgefertigte Meinung durch weitere Informationen anzupassen. Jedenfalls erschien mir der Altersdurchschnitt höher als auf Rockfestivitäten, so dass ich mich nicht ganz so alt fühlen musste. Viele Alt-Goths waren mit kleineren und größeren Kindern unterwegs - natürlich die ganze Familie in schwarz, bzw. jetzt ganz angesagt Purpur.



Am Sonntag gedachten wir der Ereignisse des Jahres 1813. Am Völkerschlachtdenkmal hatten sich bereits zahlreiche Goten eingefunden, die genauso wie wir nicht darauf hofften, beim abendlichen Konzert Einlass zu finden, und das Mahnmal daher touristisch unter die Lupe nahmen. Wer schonmal durch Washington D.C. gebummelt ist, fühlt sich beim Anblick des Bauwerks an amerikanische Megalomanien erinnert.



Innen gibt es eine Krypta, eine Kuppel mit 324 lebensgroßen Reiterfiguren und eine Ruhmeshalle mit vier Riesen, die die Kuppel zu tragen scheinen und die vier deutschen Tugenden symbolisieren (Für Leser aus dem Ausland: Tapferkeit, Glaubensstärke, Volkskraft und Opferfreude). Man muss kein notorischer Spötter sein, um zu schmunzeln, wenn das erste, was schwäbischen Goths auf der Aussichtsplattform einfällt "Da hän sie bestimmt scho viele runtergschtürzt." ist. Der Ausblick passt aber auch ohne diese Assoziation sehr gut zum WGT, schließlich entpuppt sich das romantische Waldschlösschen, das man von oben erspähen kann, als Krematorium.


So true ist Leipzig: Panoramablick aufs Krematorium

Nach dem Kulturprogramm standen wir vergeblich für Qntal am Schauspielhaus an.


Warten auf Qntal: Wir kamen ungefähr bis zum Einfahrt-verboten-Schild

Darum ging es zurück zum Agra-Gelände, wo wir uns noch ASP und The 69 Eyes gönnten. Erstere spielten muntere Mitgröhlsongs ala Ärzte und Tote Hosen, letztere lehnten wir geschlossen als zu posig ab ("Do you wanna rock?"). Mitternachtsspecial war die amerikanische Chartsband The Crüxshadows. Wir waren positiv überrascht von den uns vorher unbekannten Eastcoastern. Ich glaube, wir sind allgemein leicht von Auftritten mit Gogo-Tänzerinnen zu beeindrucken, aber auch der Sound war sehr eingängig. Nachts regnete es endlich wieder, was wir alle sehr true fanden.


Crüxshadow haben wir am nächsten Tag hautnah auf dem Agra-Gelände getroffen. Wie sie bei all dem Erfolg noch so normal bleiben konnten?
:hehe:

Am Pfingstmontag zogen wir zur Parkbühne, wo wir den Fluch verpassten, Big Boy notgedrungen ansahen und hörten, aber eigentlich wegen Eisbrecher da waren. Die Megaherz-Nachfolgeband stellte einen weiteren Höhepunkt im Programm dar und überzeugte mit einem fast perfekten Auftritt, bei dem nur die Gogo-Tänzerinnen fehlten. Die Jungs aus München machen die gleiche Musik wie unter dem alten Bandnamen und spielten sogar den Megahit "Miststück" aus der alten Combo. Wer sie als Rammstein-Coverband abtut, hat noch nie Unheilig gehört.


Megaherz heißen jetzt Eisbrecher. Sonst ändert sich nüx.


Goten fotografieren Hare-Krishna-Anhänger im Park

Auf dem Rückweg durch den Park sahen wir Anhänger des Hare-Krishna-Kultes. Natürlich wurden sie wegen ihrer Weltanschauung, Musik, Kleidung und den teilrasierten Köpfen sofort von Anhängern des schwarzen Todeskultes fotografiert und ausgelacht. Ich fand das ironisch.


Schwarze Konsumwelten in der Verkaufshalle des Agra-Geländes

In der Agra-Halle ging es am letzten Tag sehr neofolkig zu. Von Faun vernahmen wir nur noch die letzten Lautenklänge. Seelenfunken kannten wir nicht und wir befürchteten schon die xte Auflage von Subway to Sally, In Extremo, Schandmaul, Schelmisch, Qntal, Faun und wie sie alle heißen. Neofolk-Bands gibt es mehr als Mittelaltermärkte. Zu unserer Überraschung trugen Seelenfunken jedoch keine Musik vor, sondern Feuerakrobatik zu Konservenmusik von o.g. Bands, was bei uns gut ankam. Mitgröhlig wurde es wieder beim Mitternachtsspecial Subway to Sally, bei denen W. zu Recht darauf hinwies, dass sie jedes halbe Jahr in Regensburg auftreten. Dabei beschloss ich, dass ein Instrument, das ich auch erlernen könnte, die sogenannte Drehleier ist. Die hatten nicht nur StS sondern auch Faun. Man dreht scheinbar nur eine Kurbel und macht dazu Luftgitarrenbewegungen.


Auftritt der Seelenfunken

Kaum waren wir aus der Konzerthalle draußen, war auch schon das halbe Festivalgelände abgebaut. Gothseidank blieben die Duschen noch bis zum nächsten Tag stehen. So ging das WGT zuende und am Dienstag sah man nur noch abgeschminkte Gestalten, die auf dem Weg zum Bahnhof die Feenflügel salopp über den Rucksack baumeln ließen. Im ICE-Klo roch es noch nach Patchouli (Gemeint ist das Parfum...).


Ich packe meine Koffer und nehme mit ... Feenflügel

So war das WGT für mich ein voller Erfolg. Ich habe tolle Musik gehört, wunderliche Gestalten gesehen und viel dazu gelernt. P. und W. erwiesen sich als großzügige, unkomplizierte und unterhaltsame Gastgeber, die mit ihrem Bus das Festival ein gutes Stück weit wohnlicher gestalteten. Daher denke ich bereits sehr ernsthaft über eine Festivalteilnahme 2008 nach. Bis dahin werde ich zwar immer noch der Meinung sein, dass Schmuck und Schminke nichts für Männer sind, aber vielleicht nehme ich ja mal gemäßigte schwarze Kleidung mit.

Wer bis hier gelesen hat, bekommt zur Belohnung natürlich noch die versprochenen Bilder von Bondage-Lesben 1 und 2.