22 Oktober 2006 - 00:01 -- Lothiriel

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Haben die jetzt den Falschen ans Kreuz genagelt? – Jesus Christ Superstar in Essen

Jesus Christ Superstar - Eine deutsche Operninszenierung


"It doesn't help us if you're inconsistent." (Zitat Judas, I.Akt)



Aalto Theater Essen, 20.10.2006

Um den Humor der Inszenierung und besonders des gestrigen Abends verständlich zu machen, muss ich zuerst einmal die Mitwirkenden kurz vorstellen:

Jesus - Henryk Wager
Der Mensch ist eigentlich Sänger der Heavytones, das ist die Band, die bei Stefan Raabs TV Total die Showband mimt. Wahnsinnsstimme. Er hatte ein paar Bandkollegen zu Gast und machte den Eindruck, daß er lieber einen Rüffel von der Regie kassiert, weil er sich nicht immer so ganz an das offensichtliche Opernregiekonzept der Inszenierung gehalten und losgerockt hat, als sich von seinen Kollegen wahrscheinlich ein Leben lang anhören zu müssen, daß er eine langweilige Show geliefert hätte.

Judas - Serkan Kaya
Immer sehens- und hörenswert, jemand, der auch in Theatermetropolen wie Wien für ausverkaufte Häuser sorgt. Womit man in Essen an einem staatlichen Theater wohl nicht gerechnet hat, jedenfalls sind die vom Kartenansturm so'n bißchen überrannt worden. Wer von den Wienern hat ihn als "Lucheni" gesehen? Auch er hatte Freunde zu Besuch und auch bei ihm wirkte es manchmal so, als ob ihn die Regie nicht soooooo ganz interessieren würde.

Maria Magdalena - Valerie Scott
Souldiva, arbeitet normalerweise mit Leuten wie Chaka Khan zusammen. Stand über den Dingen, eine Maria Magdalena mit Gänsehautstimme und einer Bühnenpräsenz, bei der völlig egal ist, was da sonst noch auf der Bühne ist, soll die Regie sich da doch austoben.

Simon - Kai Hüsgen
Er tat mir leid, richtig leid. Einen Revolutionär zu spielen und dabei als Ensemble einen Opernchor hinter sich zu haben, der nicht in die Puschen kommt (das ist eine ROCKoper!!!) und vor sich einen Dirigenten, der noch phlegmatischer dirigiert, als der Opernchor singt, ist eine harte Sache. Herzliches Beileid.



Zur Inszenierung an sich:
Die Geschichte ist doch bekannt, eigentlich. Da muss man nichts mehr großartig uminterpretieren oder neu schaffen, jeder weiß, daß Jesus am Ende am Kreuz landet. Bei Titanic weiß ja auch jeder, daß das Schiff am Ende untergeht. Bis jetzt hatte ich auch eher den Eindruck, als ob man bei dem Stück eher mal die menschliche Seite der Figuren beleuchten würde und der Fokus auf der Beziehung zwischen Jesus, Maria und Judas liegen würde. Das kam hier aber alles zu kurz, oder besser: Überhaupt nicht vor.
Der arme Jesus wurde vom Regisseur durch bedeutungsschwangere Posen und von Symbolik überfrachtete Gesten geschickt und hatte Mühe, in dem ganzen Hin und Her noch so ein bißchen von seiner Rolle zu erhalten. Dummerweise war das Orchester/die Band zwar gut, aber viel zu langsam dirigiert, und der Sound im Theater grottig schlecht. Eigentlich wollten wir nach der Vorstellung unseren Kartenspender zur Schnecke machen, weil wir in Reihe 1, bzw. Reihe 4 saßen, aber er konnte uns glaubhaft versichern, daß man da noch gut sitzt, weil man den Livesound von der Bühne hört, weiter hinten würde man nur die Lautsprecher hören, und das wäre eine Zumutung. Ähm... ja. Dabei hat das Theater an sich eine tolle Akustik, nur deutlich hörbar niemanden, der in seinem Leben schon mal die Tontechnik für Rockmusik ausgesteuert hat. Jedenfalls grottiger Sound, Schneckentempo und ein phlegmatischer Opernchor als Ensemble. Und mittendrin Jesus, der nur damit beschäftigt war, seine Wut zusammenzusuchen, was schwerfiel, da ihm die Inszenierung absolut keine Reibungspunkte bot, an denen er sich hochziehen konnte. Wie soll jemand glaubhaft austicken und Händler aus dem Tempel vertreiben, sich bei Gethsemane über seinen bevorstehenden Tod aufregen, bzw. sich überhaupt mal über irgendwen aufregen, wenn er andauernd von einem Haufen Schnarchnasen umgeben ist und ihm das Orchester wegschläft? Jesus war also ziemlich mit sich selbst beschäftigt und damit, sich in seinen Soli Emotionen zusammenzusuchen, daß ihm kaum Möglichkeit blieb, mit seinen eigentlichen Mitspielern (Maria, Judas) zu interagieren. Warum sollte Maria ein "Try not to get worried" singen, wenn da nichts ist, weswegen Jesus worried sein könnte? Warum sollte Judas eifersüchtig sein, weil sein bester Freund lieber seine Zeit mit einer Frau, noch dazu einer Hure, die sein Image schädigt, verbringt, seine alten Freunde vernachlässigt und ihm religiöse Ziele nicht so wichtig sind wie diese eine Frau, wenn Jesus sich in dieser Inszenierung nicht um seine Maria kümmern kann, und wenn z.B. "What's the buzz?" völlig ausgebremst wurde? Das Lied war nicht mehr lebensfroh, da herrschte keine Partystimmung, bei der sich Jesus seine Maria mal krallen konnte, da stand der Opernchor stocksteif im Hintergrund und sang sehr klassisch seine Zeilen runter.

Opernchor ist überhaupt ein gutes Stichwort. Man konnte sehr deutlich sehen, daß man sich an einem deutschen Theater, einem sogenannten Drei-Sparten-Haus mit Oper, Ballett und Schauspiel befand. Es gab eben besagten Opernchor, der wurde mal von rechts nach links oder von vorne nach hinten geschoben und sang halt sehr klassisch, was nicht zum Stück gepasst hat. Dann gab es da 8 Tänzerinnen, offensichtlich klassisches Ballett, tanzen konnten die auch sehr gut, fühlten sich aber zum Teil in den sexy Kostümen, die das Stück in einigen Szenen erfordert, nicht sehr wohl, was man sah, vielleicht sollte man die lieber Schwanensee tanzen lassen, als sie als Prostituierte in lasziven Posen auf die Bühne zu schicken. Ein paar der Mädels hatten Spaß dran und waren richtig gut, ein paar halt eben nicht. Der größte Witz von allem aber war, daß da ein paar hochtalentierte Musicaldarsteller auf der Bühne standen und die meiste Zeit nichts machen durften. Ich weiß mittlerweile, daß die in ihrem Vertrag stehen haben, daß die als Gesangssolisten engagiert wurden, und daß die deshalb nicht tanzen müssen. Obwohl Jesus Christ Superstar eigentlich Tanzszenen enthält. Aber für die war ja das Ballett zuständig. Einer ist bei den Proben sogar angemeckert worden, er wäre zu musicalmäßig. Ich dachte bis jetzt, daß JCS ein Musical ist. smilie
Positiv zu bemerken wäre, daß sich die Solisten um eben jenes Regiekonzept gelegentlich nicht so ganz kümmerten und so ein paar Szenen noch gerettet haben. Das Titellied rockte mächtig los, aber wohl auch eher, weil Jesus und Judas ihren Spaß hatten und den klassischen Opernchor ignorierten. Könnt ihr euch in dem Lied einen klassischen Chor vorstellen? Also einen klassischen Chor, der nicht ironisch gemeint ist?
Die Herodesnummer war ebenfalls gut, geradezu höllisch gut, aber da war ja auch der Chor nicht dabei.
Auch noch auf die Positivliste muss das Bühnenbild, das war toll. Auch wenn die Bühnentechnik gelegentlich so'n kleines bißchen sinnfrei eingesetzt wurde, weil bei Musicals muss man ja das ganze technische Brimborium auffahren, aber das Bühnenbild an sich war gut umgesetzt, mit einer Raumaufteilung, die Schauspielszenen ermöglicht hätte, wenn denn mehr als die Solisten auch mal Ansätze dazu gemacht hätten, zu schauspielern. Außerdem war es weder eine gelbe Wand mit Türen im Hintergrund, noch war es zu minimalistisch oder mit zu viel Kitsch überfrachtet, es paßte immer zum Inhalt der Szene und es war nicht schwarz mit einem Tisch und einem Stuhl auf der Bühne. Alles schon Sachen, die man bei einer heutigen Inszenierung lobend erwähnen muss.
Definitiv auf die Positivliste muss auch noch, daß sie Jesus in dieser Inszenierung schon sehr früh das Hemd vom Leib gerissen haben, optisch eine Augenweide. Lange nicht mehr so einen schönen Oberkörper gesehen.
Bei den Kostümen gelangen wir dann leider wieder auf die Negativliste, die meisten waren unvorteilhaft bis furchtbar unvorteilhaft. Außerdem bekommt jeder, der auf der Bühne arbeitet, direkt am Anfang seiner Karriere eingetrichtert, daß man NIENIENIEMALS reines Weiß auf einer Bühne anzieht, wenn man es nicht mit der Lichttechnik aus Effektgründen so vereinbart, man wählt immer Stoffe, die gaaaaanz leicht einen anderen Farbton mit reingemischt haben, weil reines Weiß viel zu stark reflektiert und jede Lichtstimmung dadurch ruiniert. Sowohl Jesus als auch Judas hatten weiße Kostüme, und ja, die meiste Zeit waren sie seltsam bunt leuchtende Kleckse auf der Bühne. Maria hingegen trug immerhin kein Weiß, aber ein derart brav geschnittenes Kleid, damit hätte sie besser in einen Doris-Day-Film gepaßt als daß sie damit eine glaubhafte Hure hätte spielen können.
Auch noch negativ anzumerken ist die Lichtregie, es war halt einfach hell auf der Bühne, als hätte jemand das Licht angeschaltet, aber großartig zum Schaffen von Stimmungen eingesetzt wurde es nicht. Schade, denn gerade Licht kann da sehr viel bewirken.

Zum guten Schluß kam dann noch eine Kreuzigungsszene, bei der sie einen anderen Jesus (Wo kam der her?) ans Kreuz genagelt haben und Jesus und Judas aus der Bibel zitiert haben.
Bleiben die Fragen:
Haben die jetzt den Falschen ans Kreuz genagelt?
Oder haben die den richtigen Jesus ans Kreuz genagelt und wir haben die ganze Zeit den Falschen für Jesus gehalten?
Haben die nur den Geist von Jesus ans Kreuz genagelt? Schließlich sagt Jesus ja: "Father into your hands I commend my spirit". Vom Körper war da nie die Rede!
Oder meinte der Regisseur das ganz anders und wir haben's nicht verstanden? Wie ungefähr 50% der Symbolik in dieser Inszenierung? Fragen über Fragen...