19 September 2006 - 12:14 -- einBaum

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Mein erster Hummer

Montreal, 2006

Hummer


Hummer soll ja sehr gesund sein und viel hochwertiges Eiweiß enthalten. Wenn man das Tier nicht in einer Tunke aus brauner Butter und Knoblauch ersäuft, dann zergeht es mit einem ganz außergewöhnlichen Eigengeschmack auf der Zunge. Das behaupten alle Nicht-US-Amerikaner, besonders die Franzosen, und ganz besonders die ausgewanderten Franzosen im kleinen Bollwerk gegen das Böse. Ich spreche vom Quebec.

Im Quebec kauft man Hummer ausschließlich beim Fischhändler, man gönnt sich ja sonst nichts. Diesen universalen Feinkost-Schnickschnack gibt es dort nicht, hier kauft man im ersten Laden Fisch, im nächsten Karamellkuchen, im dritten Gemüse und im vierten Kräuter, die in Meersalz eingelegt wurden. In meinem Fischladen gab es nur Dinge aus Gewässern und ganz viel Eis. Neben dem tiefgefrorenen Vorzeige-Schwertfisch in der Auslage und vielen filetierten, ausgenommenen und klein gehackten Meeresgenüssen incognito sah ich auch einen Riesenbottich, in dem sich die lebenden Humer über- und untereinander stapeln. In diesem Bottich herrschte Krieg. Weil die Scheren der Hummer aber mit einem fiesen Gummiband zugebunden worden waren, schüttelten sie nur drohend die Faust in Richtung ihres Gegners links unten. Interessant war auch, dass es in diesem tollen Fischladen kein bißchen unangenehm roch. Eher nach Eiswürfelm, die man in der Gefriertruhe zu lange neben der tiefgefrorenen Forelle gelagert hat. Der Schwertfisch war übrigens so groß wie ein langgezogenes Schwein, Wahnsinn.

Die Fischhändlern griff also in den Bottich und hielt mir und meiner rein französischsprachigen Gastmutter einen Hummer unter die Nase. Wir rochen an dem Tier und piekten es ein bißchen mit dem Finger wie eine reife Melone, und als wir nickten, packte die Verkäuferin es in eine Tüte. Die Tüte wurde auf eine Waage geworfen, wo sie ein bißchen wahllos hin- und herkroch. Hummer kauft man im Quebec nicht pro Stück, sondern in Gramm.

Von meinem ersten Hummer habe ich natürlich ein Foto gemacht, wobei er mich ein bißchen mit seinen Fühlern abtastete. Seine schwarzen Äuglein blinzelten furchtsam. Ich habe dann ganz viel gestikuliert und meiner Gastmutter gesagt, dass ich noch dringend in die Stadt muss, wegen der Ansichtskarten. Als ich wiederkam, lag eine Nachricht auf dem Küchentisch.

"Dear Simone,

"'l'animal" est in the fridge. Bon appetit!"

Vom Kochen habe ich also keine Ahnung, der Spaß ging aber mit dem Essen erst los. Ich hatte:

einen Nussknacker
eine Fonduegabel
Weißwein
eine halbe Zitrone
selbstgemachte Mayonnaise
gedünstete und in Butter geschwenkte Farnsprossen.


Wer im Mai oder Juni nach Kanada kommt, sollte die Farnsprossen übrigens unbedingt probieren. Sie schmecken wie eine sehr zarte Mischung aus Brokkoli und Spargel, und außerdem sind sie natürlich ganz und gar unproblematisch zu essen, so lange sie sich auf der Gabel nicht aufrollen.

Aber wir waren beim Verspeisen des Hummers, und ich habe keinen blassen Schimmer, wie man diese Herausforderung würedevoll über die Bühne bringt. Nach einigem halbgaren Geklopfe und Gehämmere habe ich beherzt zugegriffen und die Einzelteile mit schierer Gewalt auseinander gerissen. So hielt ich dann eine Schere in der einen Faust, während ein Fühler in die andere Richtung flog. Die Beine rupfte ich einzeln aus und saugte sie aus. Bei den Scheren überlegte ich kurzzeitig, ob ich sie auf den Boden zu werfen und darauf herum hüpfen soll. Der Nussknacker hat halt doch ein bißchen suboptimal funktioniert. Fonduegabeln können innerhalb einer Humerschale übrigens eine Riesensauerei anrichten. Attila, der Hunnenkönig, dürfte in seinem dunklen Grabe gegreint haben.

Geschmacklich ging mir der Hummer bald auf die Nerven, nach Scheren und Bauch habe ich ungefähr beim zweiten Beinpaar aufgegeben. Vielleicht ist die Knoblauchsoße in brauner Butter doch besser? Meine Gastmutter hatte den Hummer ausschließlich in Salzwasser gekocht, ich habe dann ein bißchen Zitronensaft drüber geträufelt und die Brocken, die ich der Schale entreißen konnte, in Mayonnaise gedippt. Sie freute sich übrigens unheimlich darüber, dass ich ihr den Schwanz übrig gelassen hatte. Das Foto meines Hummers habe ich immer noch.