03 Juli 2006 - 19:56 -- Ramujan

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Metaphysik der Röhren

Mal ein Buchtipp von mir:



Metaphysik der Röhren ist ein seltsamer Titel und den Einstieg in das kurze Büchlein - gerade mal 160 Seiten umfasst das Werk - fand ich ungeheuer mühsam: Aber wenn man die ersten zwanzig Seiten geschafft hat, erwartet einem eine wundervolle, kleine, anrührende, urkomische Geschichte: Angeblich erzählt die Autorin Amélie Nothomb hier autobiographisch; sie ist selber in Japan in einer belgischen Diplomatenfamilie aufgewachsen, genau wie ihre Hauptfigur. Auf dem Buchcover sieht man sogar ein Kinderfoto der Autorin.

Was die Autobiographie allerdings außergewöhnlich macht ist das Alter der Protagonistin:

Das Buch umfasst nur die ersten drei Lebensjahre der Autorin, und so vermittelt die Geschichte eine ganz eigene kindlich-naive Weltsicht, in der Staubsauger Tiere sind und Diplomatenväter in der Kanalisationen arbeiten. Dann wieder dreht die Geschichte zu philosophischen Höhenflügen auf; die kleine Hauptfigur sieht sich als Gott und Mittelpunkt der Welt und hat ihre ganz eigene Sicht auf die Welt und die Eltern und alles.

Das ganze geht manchmal ins Absurde, vieles an Handlung kann einfach nicht stimmen, wie es im Buch beschrieben ist, aber das ist egal: Eigentlich will das Buch keine wahre Geschichte erzählen, das Geschehen wird durch den Schleier der Erinnerung vorgetragen; folglich stilisiert Nothomb manches hoch, wie zum Beispiel die sprachlichen Fähigkeiten der Kleinen, die schon ganze Sätze denkt, bevor sie ihre ersten Wörter spricht, einfach weil sie die Erwachsenen nicht mit ihrer Sprache überfordern will. Egal, das macht alles gar nichts, ganz im Gegenteil: Metaphysik der Röhren (schon wieder dieser Titel) kommt witzig, orginell, unterhaltsam, traurig bis nachdenklich daher ... Und mit vielen Stellen zum Öferlesen:

Wenn es unablässig regnet, geht man am besten schwimmen. Die Abhilfe gegen das Wasser ist noch mehr Wasser.
Ich verbrachte meine Zeit nun am Kleinen Grünen See. Nishio-San, unter ihren Schirm geduckt, begleitete mich jeden Tag dorthin; sie nahm immer noch Partei für die Trockenheit. Ich hatte mich von vornherein für die Gegenseite entschieden und gingim Badeanzug aus dem Haus, um schon naß zu werden, bevor ich ins Wasser kam. Mir niemals Zeit zum Trockenwerden zu lassen war meine Devise.
Ich stürzte mich in den See und wollte nicht wieder hinaus. Der schönste Anblick war der des Wolkenbruchs. Ich kam dann an die Oberfläche und machte den Toten Mann, um die himmlische Dusche senkrecht auf mich niederprasseln zu lassen. Die Welt stürzte herab auf meinen gestreckten Körper. Ich sperrte den Mund auf, um ihren Gruß aufzufangen ...