03 April 2006 - 00:02 -- Waldelb

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Melancholie – Genie und Wahnsinn in der Kunst


Ich war gestern in der Kunst-Ausstellung "Melancholie - Genie und Wahnsinn in der Kunst", die zur Zeit in der neuen Nationalgalerie in Berlin zu Gast ist. Die Bilder(an)sammlung war einfach... wow!

Die Ausstellung selbst war auch sehr gut gemacht, wenn auch für mich manchmal etwas schwammig, was das Thema betrifft.

Angefangen hat es mit einer langen Menschenschlange vor dem Eingang, die dann aber doch weniger schlimm war, als sie den Anschein erweckte. Ca. 30 Minuten Wartezeit.

In der Gallerie angekommen, begann die Ausstellung mit einer geschichtlichen Einführung in die Melancholie. Zitate und Texte stehen auf den Wänden, die aus Sicht der Antike darlegen, was Melancholie ist und was sie von den anderen Stimmungen (Sanguin, cholerisch und phlegmatisch) abhebt. Die ältesten Stücke stammen aus 400 v.C. Auch andere Definitionen sind hier zu finden; so zum Beispiel die Aussage, dass Melancholie eine vor allem den Genies vorbehaltene Wesensart sei, die aus der großen Denkfähigkeit rühre und in die man leicht versinken könne. Je größer der Intellekt, desto stärker der Sog in diese dunkle Gedankenwelt, wobei allerdings offen war, ob Genialität zur Melancholie treibt, oder umgekehrt.

Dieser Einstieg war nett, er ebnete einem den Weg zu dem Thema "Genie und Wahnsinn" und verdeutlichte worum es geht. Im ersten Raum waren dann vornehmlich ältere und/oder religiös anmutende Bilder aus dem 14. und 15. Jahrhundert, von Hieronymus Bosch oder Martin Schongauer zum Beispiel. Die Verknüpfung zu Religion wurden erstellt. (Zum 'heiligen Antonius, von Dämonen gepeinigt': ) "Abscheuliche Teufelswesen attackieren Antonius, der jedoch in meditatives Schweben verfallen ist. Der Kontrast zwischen schlaffem Körper und lüsternen Visionen entspricht den in der Antike beschriebenen Symptomen der Melancholie. Antonius hat auch mit acedia zu kämpfen, Todsünde der Trägheit." Auch das bekannte Bild "Herr Walther von der Vogelweide" lag hier aus.

Im nächsten Raum lag das Scheinwerferlicht auf Albrecht Dürer und seinen Kupferstichen. Sie bildenen den Mittelpunkt und gleichzeitig Startschuss der gesamten Ausstellung. An der Front natürlich "Melencolia I", aber auch die anderen drei Stimmungen verkörpernde Bilder "Adam und Eva", "Ritter, Tod und Teufel" sowie "Hieronymus" standen in der Mitte des Raumes. Auch hier gab es wieder, als zweiter zentraler Punkt in der Ausstellung, eine weitreichende Erklärung zur Melancholie.

Albrecht Dürer - Melencolia I



Von hier aus konnte man verschiedene Wege gehen. Die Räume waren thematisch sortiert und ich möchte nur ein paar besonders schöne hervorheben:
Der dicke (namenlose) Mann von Ron Mueck nimmt einen ganzen Raum ein, im wahrsten Sinne des Wortes. Man läuft nichts ahnend von melancholischen Bildern fort um eine Wand herum und sieht sich einem kauernden, nacktem Mann gegenüber, größer als man selbst. Diese Figur ist unglaublich, man steht vor geballter Missmutigkeit, Trägheit, vielleicht auch Trauer und Last. Da darf nichts mehr hängen, dieser ehrlichste und ausfüllenste aller Gefühlsausdrücke braucht jeden Platz und vier weiße Wände für sich. Meine erste Reaktion als ich ihn gesehen habe war ein leichtes Lachen. Diese so unglaublich echt wirkende Gestalt (von den Pigmentflecken auf dem Kopf, über die dicken Adern and den Beinen bis hin zu den abgewetzten Zehennägel) hat etwas mindestens genauso komisches wie deprimierendes an sich. Ich fühlte mich zwar etwas schlecht, diesen armen Menschen ausgelacht zu haben, aber mein Gewissen beruhigte sich, als ich gesehen habe, dass es allen anderen Betrachtern genauso ging. Ron Mueck, ein Australier, hat hier wirklich tolles geschaffen.

Ein weiterer, großer Abschnitt hatte Caspar David Friedrich als Mittelpunkt erkoren, ich glaube das Thema war das Zusammenspiel von Natur und Melancholie in der Romantik. Da ich seit langem ein großer Fan von Friedrich bin, hat es mein Herz übergehen lassen einmal dem echten "Mönch am Meer" gegenüber zu stehen. Das Bild ist riesig, aber (was ich nicht wusste) trotzdem sehr detailliert. Man erkennt sogar die Füße und den haarlosen Hinterkopf des Mönchs. Daneben hing die "Abtei im Eichwald" und noch viele weitere bekannte Bilder. Einfach nur toll!

Caspar David Friedrich - Mondaufgang über dem Meer



Ein anderer, wichtiger Raum berichtete über den Wahnsinn in der Kunst. Dunkelrot angestrichen und mindestens 5° oder 10° kälter als der Rest des Museums hingen hier Bilder von und über psychisch gestörten Menschen. Ein Künstler hatte seine Selbstverstümmelungen fotografiert und bearbeitet und dies zu seiner Kunst gemacht. Ein anderer verunstaltete Bilder seines eigenen Gesichtes, weil er dabei die anderen Wesen in sich entdecken und herauslassen könne. Nicht unbedingt meine Art von Kunst, aber zumindest interessant, da einem auch hier die helfenden Schriften an der Wand nicht alleine ließen.

Insgesamt wurde noch viele, viele bekannte Künstler und Meisterwerke präsentiert. Teilweise passten sie wundervoll ins Konzept, teilweise weiteten sie den Begriff der Melancholie (für meinen Geschmack) doch ziemlich auf. Es hingen mehrere Werke von Picasso, Munch, Ernst und Dix. Cézanne war da, ebenso Dali, Van Gogh, Beuys und Hopper (dieser passte hingegen wieder wunderbar ins Konzept). Francisco José de Goya y Lucientes faszinierte mich mit seinen düsteren Bilder (besonders die beiden alten Damen), wozu Andy Warhol einen Kontrast bildete, von dem ich mindestes ebenso begeistert war. "Der Denker" von Rodin war in einer sehr interessanten Video-Konstruktion zu sehen und wirkte dadurch überraschend neu und modern. Arnold Böcklings "Die Toteninsel" kannte ich noch nicht, finde ich jetzt aber richtig gut.

Edward Hopper - Kino in New York



Abschließend endete die Ausstellung mit modernen Bildern aus den letzten Jahren, eben jenen von Warhol, zweien von Immendorff, einer Fotoreihe zur Langeweile (hier musste ich wieder mal lachen) und einem schwarzen Bild mit blauem Rand das den schönen Titel "Melancholie" trägt.