30 März 2006 - 20:09 -- Ramujan

Das Märchen vom Schachtelmädchen

Es war einmal ein Schachtelmädchen,
das fühlte sich so leer
wie ein tiefgekühltes Hähnchen:
Es hatte keinen Inhalt mehr.

Das Schachtelmädchen aus Karton,
aus Pappe und aus Kleber,
das sagte sich: „Jetzt bin ich hin,
denn einst ein vollgepacktes streber-
haftes Schachtelmädchen fehlt mir
nun der Sinn.

Früher war ich voller Sachen,
dabei auch gute(r) Dinge.
Kann nun über nichts mehr lachen,
bin ein armer Sonderling.“

Das Schachtelmädchen weinte los,
doch fing sich schließlich wieder.
Es gab sich alsbald einen Stoß
und zwang die Tränen nieder.



Mit der Mission, sich neu zu füllen,
um viel Inhalt einzuhüllen,
brach es auf in ferne Weiten,
denn die versprachen Kostbarkeiten.

Schon bald traf es auf Streichholzkrieger:
Rot bemalt und stolz wie Sieger,
hüpften sie im gleichen Schritt,
„Brennt“ schrien sie bei jedem Tritt.

Das Schachtelmädchen lief gleichauf
und stellte seine Frage:
„Möchtet ihr mein Inhalt sein?“
Die Hölzer achteten nicht drauf
und checkten ihre Lage.

„Ich mach euch meine Schachtel fein“,
sprach es – doch recht erfolglos.
„So hüpft schnell in mein Häuschen rein.“
Das Holz hüpfte zum Vorstoss.

„Wir greifen an! Wir wollen wüten!“
Dieses sprach das Führerholz.
Sie griffen an, die Funken glühten:
Feuersbrunst und Flammenstolz.

Die Hölzer schwelten in den Tod,
sie konnten nichts erreichen.
Sie wurden Asche, die Glut war rot:
Die armen Streichholzleichen.

Das Schachtelmädchen trauerte
und setzte seine Suche fort.
Was da am Berghang kauerte,
schien ihm ein kleiner Ort.

Ein kleiner Ort im Schienenwahn:
Gleise, Bahnhof, Eisenbahn.
Überall, da klickten Weichen,
aus Pappmaché standen die Eichen.

Es türmte sich Modellgefüge,
durch das die Züge sausten.
Die Welt war eine Plastiklüge,
in der Spielfiguren hausten.

Das Schachtelmädchen stand und staunte,
stand einer Märklin-Lok im Weg.
Die hielt an, das Mädchen raunte:
„In H-Null möcht' ich dein Bahnhof sein. Leg
dich in meine Schachtel rein.“

Die Lok, die sagte: „Töff-Töff-Töff,
du bist mir ja ein Tienchen,
nun weich mir bitte – Nöff-Nöff-Nöff -
ganz schnell von meinem Schienchen.“

Die Lok war schwul, so war das Leben.
Das Mädchen machte Platz,
und schien dabei schon fast verlegen,
als -“Tüt“ - die Lok in ihrer Hatz

bretternd in den Tunnel eilte
und plötzlich jemand quietschte:
„Das Seiende verweilte
nicht gern im toten Nietzsche.“

Das Schachtelmädchen nichts verstand,
so drehte es sich um,
ein Teddy lehnte an der Wand,
die Augen schwarz,
das Grinsen krumm.

Das Schachtelmädchen fragte:
„Ähm, du möchtest nicht vielleicht ...“
Worauf der Teddy sagte:
„Ach, was ist das Leben seicht -

und leider auch so trivial.
O dunkler Tod, bist mein Pokal.“
Der Teddy war ein Philosoph,
das fand das Schachtelmädchen doof.

Die Reise wurde fortgesetzt;
durch Schlafgemächer, Flure, Räume
ging es schnell und sehr gehetzt,
vorbei an Bonsai-Bäume,

Kakteen und vielen ander'n Pflanzen.
In einer alten Kammer schließlich
unter Staub und Hausstaubwanzen
saß ein Wesen. Ganz verdrießlich

schaute es zum Schachtelmädchen.
Es dehnte sich erst ganz allmählich.
Kreiste wie ein kleines Rädchen.
Es reckte und es streckte sich.

Dunst waberte. Es schlingerte
viel Staub auf alte Dielen.
Ein Sonnenstrahl, der fingerte
Käfer, die zu Boden fielen,

und erhellte eine Kreatur,
die ganz aus morscher Pappe hockte;
gebunden mit viel Fransenschnur,
stank sie, dass rasch der Atem stockte -

von dieser alten Schachtel,
die sich reckte und dann stöhnte:
„Einst, da trug ich eine Wachtel.
Doch, das Leben, das ich frönte,
bedeutete mir nichts.

Die Wachtel brauchte Atemluft,
die durch kleine Löcher strömte.
Der Vogel, dieser miese Schuft,
aus Flügel, Krallen, Schnabel, tönte

ein Lied von Freiheit tief in mir,
saugte an den Atemlöchern,
das verdammte Federtier.
Auch krank war es: Es röchelte.

Die Löcher schmerzten meine Pappe.
Doch ich möchte meine Klappe
halten. Sie ist vorbei die Zeit
der Wachtel. Die Einsamkeit,

die ich erlangte, kann ich heiter
nun geniessen. Drum liebes, liebes
Schachtelmädchen, such nicht weiter.
Ich weiß, du willst dich nun mit vieles

füllen, suchst Inhalt noch und nöcher.
Doch höre: Halte ein geschwind
und denk an meine Schachtellöcher.
Such nicht weiter, liebes Kind.“

Ach, diese Worte brannten tief
in das junge Herz aus Pappe.
Das Schachtelmädchen machte „Schnief!“
schluchzte wiehernd wie ein Rappe,

der den Tod im Graben wittert,
heulte wie der Seehundnachwuchs,
der auf Eis zum Fänger schlittert,
zuckte wie ein alter Fuchs,

der vor des Jägers Hunden flieht,
die ihn durch die Flora hetzen,
bis er nur noch Schwärze sieht
und ihm dann ein Ende setzen.

Das Schachtelmädchen, ganz allein,
die Welt so schwarz wie Anthrazit:
Es wollte nicht mehr Schachtel sein,
und dachte auch an Suizid.

Nur: Keine Schere war in Sicht.
Der Schmerz zerriss die Lunge.
Was huschte da im Dämmerlicht?
Das war ein Schachteljunge,

der da plötzlich stand und grinste,
gerad' wie aus dem Nichts erschaffen,
einmal kurz zum Boden linste,
um dann schließlich zu erblassen.

Nun wurd' er rot und zwinkerte;
es tanzten, wirbelten und flossen
Lichtpunkt neben Schattenklinker
als wären sie wie Sommersprossen.

Der Schachteljunge fragte:
„Ich sehe, du bist ganz allein,
möchten wir nicht Inhalt sein?
Wir könnten in die Welt hinaus,
wir laufen dann von Haus zu Haus.“

Das Schachtelmädchen sagte:
„Das möchte ich sehr gerne.
Wir ziehen in die Ferne.“
Dann gingen sie den Weg entlang
und in den Sonnenuntergang.