16 Februar 2006 - 23:00 -- Helcaraxe

Pnin, von Nabokov

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Umschlagstext-Kurzbeschreibung:

"Der zerstreute Professor Timofey Pnin ist ein einsamer Individualist, den der American way of life tief verstört. Der Immigrant wirkt auf seine Umgebung wie ein komischer Versager. Aber seine Würde, sein Ernst, seine Persönlichkeit lassen eben diese Umwelt lächerlich erscheinen: Sie versagt an ihm. Alles, was Pnin widerfährt, macht uns diesen altmodischen russischen Gelehrten liebenswert."


Dieses Buch hat mich ehrlich gesagt ein bisschen ratlos und mit dem unguten Gefühl des "Irgendetwas hast du verpasst" zurückgelassen.



Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es für unseren Lesezirkel geeignet wäre. Die zahlreichen Anspielungen auf russische Literaturklassiker entgehen dem nicht einschlägig bewanderten Leser - also mir! Bedenkenlos kann ich das Buch eigentlich nur Morgi empfehlen, der nicht nur wegen der Anspielungen seine helle Freude daran hätte.
Aber "Pnin" ist kein komischer Roman - Nabokov reißt schließlich keine Witze - noch besticht er durch eine ausgefeilte Handlung. Der Autor schildert recht wahllos banale und banalste Ereignisse im Leben eines zerstreuten Universitätsprofessors ohne feste Anstellung, dem das Schicksal immer wieder Nackenschläge versetzt. Pnin verbummelt seine Vorlesungsunterlagen. Pnin kommt nicht mit seiner wissenschaftlichen Arbeit voran, weil ihm das Quellenstudium so viel Spaß macht. Pnin bekommt von seiner geschiedenen Ehefrau den Sohn ihres Liebhabers aufgebürdet, für den er Unterhalt zahlen soll. Pnin veranstaltet eine Party, die in einem Desaster endet... So zusammengefasst liest sich das wie eine bessere Seifenoper, aber das würde dem Buch nicht gerecht. Sprachlich und in der Charakterisierung überzeugt es auf ganzer Linie. Hin und wieder blitzt bissiger Sarkasmus auf, etwa wenn Nabokov sich über die Psychoanalyse lustig macht. Außerdem lernt man wichtige Dinge fürs Leben, z.B. warum Aschenputtel im Märchen aufgrund eines Übersetzungsfehlers Pantoffeln aus Glas trägt. (Und nicht, wie im Original, Schuhe aus dem Fell sibirischer Eichhörnchen)

Der Clou an der Geschichte ist allerdings der omnisciente Erzähler, der in der Ich-Form Details über "meinen lieben Freund Pnin" ausplaudert, die dieser eigentlich gar nicht wissen kann. Die Identität des mysteriösen Erzählers bleibt bis zum Ende offen, aber überall im Text lassen sich versteckte Hinweise finden. Und was hat es mit dem bedrohlichen Eichhörnchen auf sich, das immer dann auftaucht, wenn Pnin das nächste Schlamassel bevorsteht?



7 von 10 Oachkatzerl-Puschen