03 Februar 2006 - 18:30 -- kpm

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Nicht ganz so toll - die "Lord of the flies"-Inszenierung der American Drama Group Europe

Auf der Flucht vor einem drohenden Atomkrieg stürzt das Flugzeug mit kleinen Jungs zwischen 6 und 12 Jahren auf einer einsamen Insel ab. Kein Erwachsener hat überlebt. Die Kinder stellen erst demokratische Regeln auf, wählen den vernünftigen Ralph zu ihrem Anführer und es geht ihnen auf der hübschen Insel mit ihren Sandstränden gar nicht so übel. Aber bald spaltet sich der rebellische Jack mit ein paar anderen "Jägern" ab, immer mehr von Ralphs Gruppe laufen zu ihm über und alle steigern sich in die Einbildung eines Monsters auf der Insel und den Konflikt zwischen den beiden Gruppen so hinein, dass zwei der Kinder brutal ermordet werden. Am Schluss ist nur noch Ralph bei Verstand und wird von den anderen gejagt, die zu diesem Zweck fast die ganze Insel abfackeln, wodurch dann endlich ein Schiff auf sie aufmerksam wird und sie von Soldaten gerettet werden.

Soweit im Buch und Film. Wie kann man diesen Stoff am besten als Theaterstück umsetzen? Richtig, als Slapstick-Musical mit 5 ausschließlich erwachsenen, weiblichen Darstellerinnen. Dachte sich zumindest offenbar die American Drama Group Europe, deren "Lord of the Flies"-Vorstellung wir gestern mit dem Englisch-Kurs sahen.



Damit auch alle Zuschauer trotzdem kapierten, dass die Charaktere kleine Jungs sind, wurde andauernd gestrampelt, gebrüllt, geschrieen, gegackert und möglichst albern und laut gelacht. Dazwischen wurde gesungen, und zwar höchst melodisch, mehrstimmig und melancholisch; durch diesen faszinierenden Kontrast wirkte sowohl das eine als auch das andere noch viel schlimmer. Die Story war so gut wie nicht vorhanden; sie bestand daraus, dass die Jungs ständig singend mal Piraten, mal Astronauten und mal Soldaten spielten, ergänzt durch gelegentliche asthmatische Anfälle von Piggy und epileptische von Simon. Piggy ist dabei natürlich der dicke, Brille tragende Junge, der alle zur Vernunft bringen will, aber schließlich zu Tode gemobbt wird. Im Stück war er aber kein Held, sondern wirklich eine dämliche Nervensäge.

Nach einer (aber gefühlten 3) Stunde war Pause und die Reaktionen reichten von Begeisterung über Mitleid bis hin zur blanken Wut (die Englisch-Lehrer). Erstaunlicherweise überwiegten wohl die zufriedenen Zuschauer, aber das wusste ja schon der Indie-Philosoph Seneca vor mehreren Tausend Jahren, dass der Beweis für das Schlechteste die Zustimmung der Menge ist.

Danach ging es weiter und es wurde tatsächlich besser - mit obszönem Blutbad und Kindermord wurde versucht, den Unsinn von vorhin auszugleichen, was irgendwie auch nicht funktionierte. Vielleicht wäre die Strategie gar nicht so schlecht gewesen, zunächst eine Stunde lang ein Happy-Happy-Joy-Joy-Paradies zu zeigen, um dann den nach der Pause in fröhlicher Erwartung auf den unbequemen Sitzen ("Was is da drin, Stroh?!") hibbelnden Zuschauer mit Szenen von tiefstem Ernst völlig zu verstören und zu erschüttern. Dabei war nur nicht so günstig, dass man nach der ersten Stunde eigentlich gar nicht anders konnte, als alle Charaktere ausnahmslos zu hassen und geradezu zu hoffen, dass sie sich gegenseitig umbringen, oder, noch schlimmer, ihnen gegenüber absolut gleichgültig zu sein. Eine einzige sehr gute Szene war dabei, als Simon fast den Verstand verlor und im beeindruckend verzweifelten gespaltene-Persönlichkeiten-Selbstgespräch glaubte, die Bestie, vor der sie alle Angst hatten, sei in ihm selbst. Das ließ dann leider erahnen, wie gut das Stück HÄTTE werden können.

Am Ende war ich mir nicht sicher, ob das ganze insgesamt grotesk genug war, dass es vielleicht doch ganz cool war. Immerhin hab ich doch ziemlich viel gelacht, wenn auch eher gequält und an anderen Stellen als die Allgemeinheit. Sein Eintrittsgeld hätte man dann aber doch gern zurück. Im Rück-Bus war der allgemeine Hit dann Die Prinzen, eo eo. Womit wir wieder bei Seneca wären.