17 Dezember 2005 - 18:15 -- Lothiriel

, , ,

Before Sunrise - Wien für Verliebte im Freizeitstress

Man sollte etwas früher als 12 Uhr ankommen...


Die Tour beginnt am Westbahnhof, das ist im 15. Bezirk, es sollte kein Problem sein, dort hin zu kommen, denn so gut wie jeder Zug, der nach Wien fährt, kommt früher oder später dort an. In der Gegend um den Westbahnhof spricht man übrigens einen furchtbaren Dialekt, den selbst hartgesottene Wiener Innenstadtbewohner öfter mal nicht verstehen und schon überhaupt nicht nachmachen können, das ist quasi das Bayern Wiens.

Weiter geht's zum Zollamtssteg, das ist die grüne Brücke. Sie liegt zwischen dem 1. und 3. Bezirk und führt in der Nähe des Donaukanals über die Wien, das ist ein kleinerer Fluß, der mitten durch Wien fließt, liegt bei dem Namen ja auch nahe. Im Film sieht es aus, als wären die beiden Protagonisten nur ein paar Meter zu Fuß gegangen, allerdings ist der Zollamtssteg ungefähr 3 km vom Westbahnhof entfernt, wahrscheinlich haben sie die U3 genommen.

knuffig


Dann erhascht man einen kurzen Blick auf die Votivkirche. Sie steht am Ring, zwischen 1. und 9. Bezirk, ist ein neogotisches Gebäude, also noch nicht soooo wahnsinnig alt, und wurde gebaut, weil der spätere Kaiser Max von Mexiko dankbar war, daß sein Bruder, Kaiser Franz Joseph I., nicht einem Attentat zum Opfer fiel. Er hätte allerdings besser eine Kirche für sich selber bauen lassen, denn er wurde später erschossen. Dumm gelaufen.

Ein Votiv (von Latein votum = Gelübde) ist der künstliche oder natürliche Gegenstand, den der Votant gemäß einem Gelübde (


Wie man unschwer erkennen kann, wurde die Kirche u.a. vom Kölner Dom inspiriert

Weiter geht es mit der Tram am Ring entlang, wirklich eine schöne Strecke und für Lauffaule sehr zu empfehlen, man kann nämlich an sehr vielen Sehenswürdigkeiten entlang fahren. Ich habe Besuchern einmal zugemutet, den kompletten Ring entlang zu laufen, die hätten mich hinterher am liebsten gelyncht, der Ring ist lang. An Stelle der Ringstrasse standen früher alte Befestigungsanlagen aus dem 13. Jahrhundert, allerdings hatten sie im 19. Jahrhundert ausgedient, der Stadt war schon länger nicht mehr von den Türken belagert worden, die Vorstädte waren gewachsen, so daß sich diese Anlagen eh mitten in der Stadt befanden, und so ordnete Franz Joseph I. an, die Anlagen zu schleifen und stattdessen einen Prachtboulevard zu bauen.

Befestigungsanlagen hätte ich cooler gefunden


Nächster Halt: Plattenladen "Teuchtler - Alt & Neu"
Er befindet sich im 6. Bezirk in der Windmühlgasse, nahe der Mariahilfer Str. (der letzten Strasse begegnen wir noch öfter). Ich habe ewig nach diesem Plattenladen gesucht, weil das ohne den Namen eher schwierig war, und bin irgendwann zufällig drüber gestolpert, weil ich nur ein paar Straßen weiter gewohnt habe. Die haben wirklich noch so eine Kabine gehabt, wo man in Platten reinhören konnte. Nicht, daß ich einen Plattenspieler besessen hätte, aber der Laden ist kultig.

Wenn ich mich nicht irre heißt im Film der Laden Alt&Neu


Weiter zum Maria Theresien-Platz, der befindet sich zwischen dem 1. und dem 7. Bezirk und liegt genau zwischen dem Naturhistorischen und dem Kunsthistorischen Museum. Ich bekenne, daß ich noch nie im Naturhistorischen Museum war, obwohl ich dort immer mal hin wollte, und es erst ein einziges Mal ins Kunsthistorische geschafft habe, immer, wenn ich reinwollte, war entweder eine Ausstellung dort, die mich nicht interessiert hat, oder aber es standen Schlangen über den kompletten Platz.

Die Kugeln in unseren Gärten


Dann sieht man eine U-Bahnstation, es könnte Schönbrunn sein, sicher bin ich mir aber nicht.

Und jetzt kommt die eigentliche Herausforderung der Tour, der Friedhof der Namenlosen.
Eine Freundin und ich haben es zu einer Art Sport entwickelt, bei jedem ihrer Besuche in der österreichischen Hauptstadt einen Versuch zu unternehmen, um endlich dorthin zu kommen. Wir haben keine Ahnung, wie die das im Film so schnell geschafft haben, wir haben dafür länger gebraucht und folgende Probleme gehabt:
a) Der Friedhof ist so weit außerhalb, daß er auf keinem handelsüblichen Stadtplan drauf ist.
b) Die Leute von der Tourist Information hatten auch keine Ahnung, wo genau der ist und wie wir hinkommen könnten.
c) Ich hatte damals kein Internet, das war damals noch nicht so in wie heute, man konnte nicht so ohne weitere Verrenkungen selber herausfinden, wie man nun mit welchen öffentlichen Verkehrsmitteln hinkommt.

Lösung:
U3 bis Simmering, dann Tram 71 bis Endstation Kaiserebersdorferstr. und dann noch ein gutes Stück laufen oder mit dem Bus 76A fahren.
Der Friedhof liegt im 11. Bezirk am „Alberner Hafen“ (der heißt wirklich so!), ca. 500m vom Ende der Hafenzufahrtsstraße entfernt, also wirklich am Ar*** der Welt. Der Friedhof wirkt ein bißchen wie eine andere Welt, auf der einen Seite sehr schön und ruhig, auf der anderen aber auch gruselig und auf eine morbide Art faszinierend. Dort wurden Leichen beerdigt, die die Donau an dieser Stelle anspülte und die niemand identifizieren konnte (zum Zeitpunkt der Beerdigung, manche Gräber bekamen nachträglich doch noch Namen), es handelt sich meist um Ermordete, Selbstmörder und Unfallopfer. Seit 1940 wurde niemand mehr dort beerdigt, durch den Bau von großen Getreidesilos hat sich die Strömung der Donau geändert, es wird dort niemand mehr angespült. Die Gräber haben keine Einfassungen, keine Grabsteine, sondern nur schmiedeeiserne Kreuze mit einer hellen Jesusfigur, viele davon werden langsam vom Efeu überwachsen, aber auch sonst sieht der Friedhof eher naturbelassen aus, nicht so geometrisch-korrekt wie man das hier in Deutschland fast überall gewöhnt ist.
Wenn man den Friedhof verläßt, dann entdeckt man beim Hinausgehen auch noch ein Gedicht des Grafen Wickenburg:

Tief im Schatten alter Rüstern,
Starren Kreuze hier am düstern
Uferrand.
Aber keine Epitaphe,
Sage uns wer unten schlafe.
Kühl im Sand.

Still ist's in den weiten Augen.
Selbst die Donau ihre blauen
Wogen hemmt.
Denn sie schlafen hier gemeinsam,
Die, die Fluten still und einsam,
Angeschwemmt.

Alle die sich hier gesellen,
Trieb Verzweiflung in der Wellen
Kalten Schoß.
Drum die Kreuze die da ragen,
Wie das Kreuz das sie getragen,
"Namenlos".


Damit dürfte wohl Maggie Carroux' ''Er wurde ertrunken'' zumindest eine kleine Rechtfertigung erhalten... *leisekregel*


Da, einer mit einem Namen!

Zeit für einen Stimmungswechsel, die nächste Station ist der Prater, wieder eher innerstädtisch, im 2. Bezirk. Eigentlich bietet sich eine Riesenradrundfahrt am Beginn eines Wienaufenthaltes an, in den Kabinen ist oberhalb der Fenster das Panorama der Stadt abgedruckt, so wie man es vom Riesenrad aus sieht, und die wichtigsten Gebäude sind mit Namen beschriftet, da bekommt man als Neuling einen Grobüberblick, was sich wo befindet.

Der Name Prater leitet sich wahrscheinlich vom Wort ''pratum'' (lat. für ''Wiese'') ab



____________

So, ungefähr Halbzeit bei den Stationen, ich brauche eine Pause und wer auch immer diese Tour nachgeht, der sollte ich spätestens jetzt ebenfalls eine Pause gönnen, bzw. den Abend im Prater geniessen und dann ins Bett gehen, man muss schon sehr früh morgens anfangen, um überhaupt das hier an einem Tag hinzubekommen.