07 August 2005 - 23:10 -- Arwen-gegen-den-Vulkan

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Markus und Melanie - Reise durch die Raumzeit

Markus stand auf der marmornen Dachterasse eines kleinen turmartigen Baus am Nordhang eines sanft ansteigenden Hügels und schaute hinab auf das Spreetal im Herzen Berlins. Er ließ seinen Blick über die Wiesen schweifen, die steinernen kleinen Lauben und Pavillons, die Rhododendren, die kleinen Villen und Restaurants, und blickte schließlich ostwärts auf die alten großen Museen, die dort seit vielen Jahrhunderten standen. Dann wandte er den Blick in die entgegengesetzte Richtung. Die Sonne stand tief und rot am Westhorizont. Das satte Grün des Rasens und der umgebenden Wälder wurde in rote Glut getaucht. Dies war sein letzter Sonnenuntergang auf dem Planeten Erde. Markus nahm einen Schluck Sake. Er wartete, bis die Sonne vollends untergegangen war, dann verließ er das kleine Gebäude und fuhr zum Raumhafen Zehlendorf, wo bereits alles für seine Abreise vorbereitet war. Verabschiedungen würde es keine mehr geben. Die wenigen Freunde und Bekannten, die noch mit ihm in Kontakt standen, hatten bereits in den letzten Tagen von ihm Abschied genommen. Es war auch nicht wirklich von Bedeutung, sagte sich Markus. Es waren gute und liebe Menschen darunter, aber er hatte sich niemandem wirklich so nahe gefühlt, dass er jetzt noch in der Lage wäre, so etwas wie ein Gefühl des Verlusts zu verspüren. Es gab nur den einen Verlust, der der Grund dafür war, dass er nun auf seine überaus ungewöhnliche Reise gehen würde. Melanie. Drei Jahre waren vergangen, seit er Melanie verloren hatte.

Die letzten Monate dieser Zeit hatte er mit den Vorbereitungen für seine Reise verbracht. Die Idee zu einer derartigen Reise hatte er schon als Kind gehabt, damals aber selbstverständlich nur als reine Gedankenspielerei. Nachdem er Melanie verloren hatte, hatte sich der Freundeskreis, den sie beide gemeinsam gehabt hatten, zunächst sehr fürsorglich um ihn gekümmert. Als aber der Schmerz nach einem Jahr etwas nachgelassen hatte, war er nicht von einer neuerwachten Faszination für das Leben ersetzt worden. Markus hatte feststellen müssen, dass sich etwas fundamental geändert hatte, seitdem Melanie ums Leben gekommen war. Er hatte festgestellt, dass er dem normalen Leben nicht mehr wirklich etwas abgewinnen konnte. Er hatte stattdessen jene Idee seiner Kindheit wiederentdeckt, die Idee einer Reise, wie sie noch kein Mensch zuvor jemals unternommen hatte und vielleicht auch nie jemand unternehmen würde, weil es eigentlich keine vernünftige Motivation für eine derartige Reise gab. Mit Ausnahme von Melanie hatte es nie ein Mensch vollbracht, wirklich dauerhafte Gefühle in Markus zu wecken. Stattdessen war nun die Reise der einzige Gedanke, der Markus‘ Geist noch beflügeln konnte. Er war gewarnt worden, mehr als einmal, und zu allerletzt sehr eindringlich. Er erinnerte sich noch an die Worte: „Markus, wenn Du am Ziel dieser Reise angelangt bist, gibt es kein zurück mehr! Wenn Du dann schließlich begreifst, dass es ein Fehler war, dann wird es zu spät sein!“

Vor vielen hundert Jahren hatte Albert Einstein die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie formuliert. Dies hatte weitreichende Konsequenzen gehabt bezüglich der Art, wie sich die Menscheit hypothetische Reisen in die Tiefen des Raumes ausgemalt hatte. Eine alte, faszinierende Idee, nämlich die der interstellaren Reise mit Überlichtgeschwindigkeit, war von einer neuen Idee ersetzt worden, die zumindest von Einigen als noch faszinierender empfunden wurde – die Idee einer interstellaren Reise unter Ausnutzung des Effekts der Zeitdilatation bei extremer Annäherung an die Lichtgeschwindigkeit. Denn erreichen oder überschreiten konnte man sie nicht. Laut Einstein geschähen bei einer hypothetischen Beschleunigung auf Überlichtgeschwindigkeit, für die man auch noch unendliche Energie benötigte, höchst sonderbare Dinge. Ein Objekt, das mit einer Geschwindigkeit höher als c, der Geschwindigkeit masseloser Teilchen im Vakuum, reiste, fände sich in der Vergangenheit wieder. Darüber hinaus rückten gemäß der Lorentz-Transformation die Variablen, welche die Länge eines Raumschiffs in Reiserichtung, seine Masse sowie den Zeitablauf innerhalb des Raumschiffs während einer überlichtschnellen Reise beschrieben, in den Bereich der imaginären Zahlen. Die allgemein akzeptierte, wissenschaftliche Schlussfolgerung war die Annahme der Unmöglichkeit eines Reisens mit Überlichtgeschwindigkeit. Auch das echte Zeitreisen, das Springen in die Vergangenheit, wurde als unmöglich angesehen. Die Entschädigung, wenn man es so nennen will, für diese einengenden Erkenntnisse war das Konzept der Zeitdilatation. Beschleunigte man auf annähernde Lichtgeschwindigkeit, so verging die Zeit innerhalb eines Raumschiffs langsamer, relativ zum Bereich außerhalb des Schiffs. Dieser Effekt wurde umso stärker, je näher man der Lichtgeschwindigkeit, die man niemals vollends erreichen würde, kam. Es wäre einem Reisenden möglich, so er dies denn wollte, seine eigene historische Epoche hinter sich zu lassen, Jahrhunderte oder Jahrtausende vergehen zu lassen, während für ihn nur wenige Jahre vergingen.

Markus blickte aus der Umlaufbahn seines Schiffes hinunter zur Erde. Der indische Ozean schimmerte in einem tiefen Blau, Afrika und Europa erlebten gerade den Sonnenaufgang. Die Nordsee begann in reflektiertem Sonnenlicht zu glitzern, dort wo sich einst Nordfriesland befunden hatte. Aber die Tageszeiten auf der Oberfläche der Erde waren hier nicht von Bedeutung. Für Markus war es später Abend. Er hatte die vergangenen Stunden mit den allerletzten Vorbereitungen für seine Reise verbracht. „Zeit zum Aufbruch“, sagte Markus zu sich selbst. Als die mächtigen Triebwerke ihre Arbeit aufnahmen, wurde die Schwerelosigkeit innerhalb des Raumschiffs in Sekundenbruchteilen durch eine konstante Beschleunigung von 1 g ersetzt, in Richtung auf das Heck des Schiffs wirkend. Nun konnte man in den Etagen des Schiffs so bequem umherlaufen wie in einem Gebäude auf einer Planetenoberfläche.
Seinen Abschied vom inneren Sonnensystem verbrachte Markus im großen Kuppelraum des Schiffs. Der Kuppelraum war Brücke und Observatorium zugleich, alle Lichtinformation, die von außen auf das Raumschiff traf, wurde hierher geleitet und ergab einen Panoramablick. Dies war insbesondere deswegen notwendig, weil sich bei zunehmender Geschwindigkeit ebenfalls relativistische Effekte bemerkbar machen würden, die das Licht mit immer stärkerer Blauverschiebung und immer stärkerer Verzerrung auf die Bugregion des Schiffs hin erscheinen lassen würden.
Für den Abschied von der Erde hatte Markus Vorbereitungen getroffen. Er saß in einem kunstlederbezogenen Eichenholzsessel genau in der Mitte des Kuppelraums. Rechts und links neben ihm standen zwei kunstvoll gearbeitete Holztische. Auf dem einen befand sich ein Glas und eine Flasche sehr alten, trockenen Rotweins. Auf dem anderen befand sich eine jahrhunderte alte Antiquität – ein Plattenspieler aus dem sogenannten zwanzigsten Jahrhundert der alten Zeitrechnung. Daneben lag ein großer Stapel an Schallplatten mit Liedern, die zumeist in der englischen Sprache gesungen waren. Markus hatte das Englische aus privatem Interesse sogar einmal erlernt, obwohl es schon vor sehr langer Zeit seinen Status als Weltsprache Nummer eins an das Mandarin-Chinesische verloren hatte und danach allmählich den Weg des Lateinischen gegangen war.
Als sich das Raumschiff, zunächst noch relativ langsam, von der Erde fortbewegte, legte Markus eine kleine Platte auf, und knisternd begann ein sehr, sehr altes Lied, während Markus einen letzten, langen Blick auf den blauen Planeten, nun auf die Sonnenuntergangsseite, warf.

Moody river, more deadly
Than the vainest knife
Moody river, your muddy water
Took my baby‘s life


Schon kurze Zeit später passierte das Raumschiff, dessen Geschwindigkeit immer höher wurde, den mächtigen Planeten Jupiter. Markus warf einen Blick auf seine rötlichen Wolkenformationen und seine großen Monde. Zuerst sah er Io, den schwefligen, vulkanischen Mond, dann die äußeren Monde Ganymed und Callisto und schließlich auf der gegenüberliegenden Seite des Planeten den Mond Europa, unter dessen Eispanzer sich ein Ozean aus flüssigem Wasser befand, der zweite Ozean des Sonnensystems, wenn man das Wasser der Weltmeere des Planeten Erde als einen globalen Ozean ansah.
Als nächstes sah Markus aus großer Entfernung den Saturn mit seinen wunderschönen Ringen. Markus hatte sie schon mehrmals aus direkter Nähe gesehen, hatte mit Melanie einmal einen Raumspaziergang unternommen. Schwerelos waren sie zwischen den vielen kleinen, gefrorenen, glitzernden Körpern gedriftet und hatten sich an den Händen gehalten, waren selbst Teil der Ringe des Saturn gewesen.
Nun verließ das Raumschiff allmählich Markus‘ Heimatsonnensystem, ließ den Kuipergürtel der sonnenfernen Asteroiden und bald darauf die Oortsche Wolke mit ihren Myriaden von eisigen Kometen hinter sich und drang in die Tiefen des interstellaren Raumes vor.

Markus verbrachte immer wieder längere Phasen im Zustand des Tiefschlafs, da selbst bei der Geschwindigkeit, die das Schiff bereits erreicht hatte, auch nach Schiffszeit viele, viele Monate vergingen, bevor es wieder einen Grund dazu gab, den Kuppelraum zu betreten. Während dieser Phasen ließ er das Schiff sich schneller als mit 1 g beschleunigen. Auf Markus‘ Körper hatte der Zustand des Tiefschlafs keine größeren Auswirkungen als eine normale, durchgeschlafene Nacht. Als er nun wieder aufstand, nahm er zunächst ein Bad. Er befand sich im schönsten Teil des Schiffs. Durch eine Glaswand drang das grüne Licht des Gartens mit seiner kleinen Gruppe von Laubbäumen in das Badezimmer. Danach betrat er den Kuppelraum und betrachtete die nun sehr nahen Sonnen von Alpha Centauri, einem System, das etwas über vier Lichtjahre von der Erde entfernt war. Für die äußere Welt waren bereits mehr als vier Jahre vergangen, innerhalb des Raumschiffs machte sich nun die Zeitdilatation bemerkbar.
Es war faszinierend, zum ersten Mal ferne Sonnen aus der Nähe zu sehen, Sonnen, die für die Menschen aller vergangenen Jahrtausende immer nur Sterne gewesen waren. Drei waren es. Eine der Sonnen war der Sonne der Menschheit sehr ähnlich in Größe und Farbe. Eine weitere war etwas kleiner und orange. Diese beiden umkreisten ihr gemeinsames Schwerezentrum. Die dritte war eine rote Zwergsonne, die in größerer Entfernung eine weite Umlaufbahn um die beiden zentralen Sonnen zog. Markus änderte nun den Kurs. Er ließ das Raumschiff auf die Plejaden, das Siebengestirn, zufliegen.

Die Borduhr hatte einige Jahre gezählt, die äußere Welt über vier Jahrhunderte erlebt, als der Kuppelraum in das Licht einer großen Gruppe sehr junger, bläulich-weiß leuchtender Sonnen getaucht wurde. Die hellsten sieben Sonnen hatten die Menscheit schon seit Jahrtausenden fasziniert. Hier, aus der Nähe, boten sie nun zusammen mit ihren kleineren Geschwistern einen atemberaubenden Anblick. Sie waren alle zusammen aus dem selben interstellaren Nebel entstanden und hatten noch nicht die Zeit gehabt, sich so weit voneinander zu entfernen, wie es ältere Sonnen schon getan hatten. Markus dachte daran, dass es wohl auch Jahrmilliarden alte unbekannte Geschwister seiner Heimatsonne irgendwo in den Tiefen des Raumes geben könnte.
Markus bemerkte einen auffallend hellen, roten, fernen Stern. Er erkannte ihn als Beteigeuze, einen roten Überriesen, eine der größten bekannten Sonnen überhaupt. Markus war Beteigeuze hier näher als die Menschen auf der Erde, aber trotzdem noch etliche Lichtjahre entfernt. Er würde keinen Kurs auf den Giganten nehmen. Der nukleare Brennstoff dieser Riesensonne war nahezu aufgebraucht. In astronomisch gesehen sehr kurzer Zeit, in einigen Jahrtausenden, vielleicht sogar nur Jahrhunderten würde der rote Überriese in einer gewaltigen Supernova seine äußeren Schichten und eine apokalyptische Strahlungsflut in den Raum hinausstoßen und dabei für kurze Zeit so hell leuchten wie der gesamte Rest der Galaxis mit ihren zweihundert Milliarden Sonnen zusammengenommen. Der massereiche Kern würde dann in sich zusammenstürzen und von der eigenen Gravitation zermalmt werden, bis nur noch ein schwarzes Loch übrig wäre. Es wäre nicht ratsam, diesem Ereignis aus zu großer Nähe beizuwohnen. Stattdessen nahm Markus nun einen Kurs auf, der ihn aus der galaktischen Scheibe hinausführen würde. Die Milchstraße hatte einen Durchmesser von etwa hunderttausend Lichtjahren, aber nur eine Dicke von etwa fünfttausend Lichtjahren. Verließ man die galaktische Scheibe in dieser Richtung, gelangte man in den großen, sphärischen Bereich des galaktischen Halo, der Domäne der Kugelsternhaufen.

Zwölf Jahre Schiffszeit waren vergangen. In dieser Zeitspanne war der Rest des Universums und mit ihm der Planet Erde dreißigtausend Jahre älter geworden. Beteigeuze hatte sich, auch wenn Markus davon nichts mitbekommen hatte, schon in ein schwarzes Loch verwandelt. Das Schiff befand sich nun etwa siebenundzwanzigtausend Lichtjahre oberhalb der galaktischen Scheibe. Markus betrachtete die rötlichen Kugelsternhaufen, bestehend aus sehr alten Sonnen aus der Frühzeit des Universums, Sonnen der frühen Generation, die sich gebildet hatten, als es im Universum nur Wasserstoff und Helium gab, bevor alle anderen, schwereren Elemente in den nuklearen Schmelzöfen der Sterne erschaffen worden waren. Nachdem er seinen Blick von den Ansammlungen dieser alten, funkelnden Rubine abgewandt hatte, strich er mit der Hand über einen der Eichenholztische, dann über seinen Arm. Der Gedanke besaß eine gewisse Faszination, und es fiel Markus immer schwer, sich dies wirklich vorzustellen. - das gesamte Raumschiff und sein eigener Körper bestanden aus Elementen, die einmal bei Millionen Kelvin im Innern von längst ausgebrannten, unbekannten Sonnen zusammengebraut worden waren, bevor sich die eine Sonne entwickelt hatte, unter deren Licht schließlich die Menscheit entstanden war. Markus‘ Gedanken wurden nun zum ersten Mal wieder auf seinen Heimatplaneten gelenkt. Er fragte sich, ob es die Menschheit, wie er sie gekannt hatte, noch gab oder ob sie ausgestorben war. Hatte sie ihr eigenes Schicksal besiegelt? Existierte sie noch unverändert? Oder hatte sie sich in einem unbekannten Fortschrittsprozess schon aus eigener Absicht und eigener Macht in etwas verwandelt, das nicht mehr die Spezies Homo Sapiens war? Anfänge dieser Entwicklung hatte es in Markus‘ Epoche bereits gegeben, Verbesserungen der menschlichen Physis, noch äußerlich unmerklich und zaghaft.
Markus suchte die Richtung, in der der Planet Erde liegen musste und sah nun zum ersten Mal die Galaxis als Ganzes, ein gigantisches Feuerrad aus Staub und Sternen in rot, gelb, weiß und bläulich-weiß, aufgeteilt in mächtige Spiralarme und Regionen geringerer Sternendichte. Er dachte nicht mehr an die Erde und genoß diesen denkwürdigen Anblick, den nie zuvor ein Mensch erlebt hatte. Einige Zeit später nahm er einen neuen Kurs auf, in Richtung auf den Andromeda-Nebel, in die große dunkle Wüste des intergalaktischen Raums.

Die Milchstraße und der Andromeda-Nebel waren die beiden großen, zentralen Spiralgalaxien in einem eher kleineren Galaxienhaufen, der ansonsten nur aus Zwerggalaxien bestand und den man die lokale Gruppe nannte. Das Schiff hatte nun auf einem Schleifenkurs die Kluft zwischen den beiden Spiralgalaxien überwunden. Das Ausmaß der Zeitdilatation hatte währenddessen immer weiter zugenommen. Innerhalb des Schiffs waren nur wenige weitere Jahre vergangen, als es seine nahe Umrundung des Andromeda-Nebels begann. Die äußere Welt war seitdem zweieinhalb Millionen Jahre älter geworden. Markus sah sich satt an den Abermilliarden Sonnensystemen der fremden Galaxis. Sie war noch größer als die Heimatgalaxis der Menschheit. Markus dachte an die Möglichkeit von fremdem, exotischen Leben irgendwo in einem der unzähligen Sonnensysteme. Nun, wenn es da war, so würde er es trotzdem nicht finden. Er hielt einen Moment geistig inne. Dann sagte er zu sich selbst: „Zeit für einen Besuch zu Hause...“

Der Schleifenkurs, der das Schiff um den Andromeda-Nebel herumgeleitet hatte, hatte es nun wieder zurück zu seinem Ursprungsort gebracht, und das Schiff, nach einer Drehung Heck voran reisend, hatte auf der Rückreise im gleichen Maße, wie es vorher beschleunigt hatte, nun wieder abgebremst. Langsam trat das Schiff in eine Umlaufbahn um den Planeten Erde ein. Fünf Millionen Jahre waren vergangen. Markus hatte schon bei der Annäherung an den inneren Bereich seines Heimat-Sonnensystems bemerkt, dass seine Erwartung bestätigt werden würde - von der Menscheit oder einer Nachfolgerspezies, in die sich die Menschheit verwandelt hatte, war keine Spur zu entdecken. Nun, das musste nicht bedeuten, dass die Menschen oder ihre Erben untergegangen waren. Vielleicht hatten die fernen Nachkommen des Homo Sapiens sich so sehr weiterentwickelt, dass ihnen der Heimatplanet ihrer Vorfahren nicht mehr von Bedeutung erschien. Vielleicht hatten sie begonnen, die Galaxis zu kolonisieren, vielleicht hatten sie sich sogar in verschiedene Spezies aufgespalten und eine Vielzahl an eigenständigen, interstellaren Kulturen begründet, die sich untereinander so wenig ähnelten, als seien sie gar nicht eines gemeinsamen Ursprungs auf einem gemeinsamen Heimatplaneten, sondern Sprößlinge aus völlig eigenständigen und voneinander unabhängigen Sonnensystemen. Ob auf die eine oder die andere Weise, der Planet Erde war der Natur zurückgegeben worden. Markus hatte bemerkt, dass sich das Sonnensystem nicht wesentlich verändert hatte. Lediglich die Ringe des Saturn waren nicht mehr vorhanden, sie waren wohl ihrem Planeten immer näher gekommen und schließlich in die Äquatorialregion hineingestürzt. Nun sah Saturn wie ein etwas kleinerer, blasserer und bezüglich der Wolkenformationen ruhigerer Zwillingsbruder des Jupiter aus. Der Planet Venus war immer noch die heiße, von einer permanenten Wolkendecke umhüllte Basaltwüste, getaucht in ein warmes, gelbes Licht mit der Hellichkeit eines verregneten, bewölkten Nachmittags auf der Erde. Der Planet Mars war immer noch die verrostete, zerfurchte Wüste aus rotem Sand.

Wirklich interessant waren für Markus die Veränderungen auf dem Planeten Erde. Die Kontinente befanden sich alle noch in einer Anordnung, die Markus sehr leicht als eine nur sehr geringe Variation der bekannten Anordnung erkennen konnte. Er hätte schon wesentlich mehr Jahrmillionen durchreisen müssen, um eine in dieser Hinsicht deutlich veränderte Erde vorzufinden. Trotzdem gab es in anderer Hinsicht sehr deutliche Veränderungen, die bei einem Blick aus der nahen Umlaufbahn hinunter zur Oberfläche sofort auffielen. In den fünf Millionen Jahren von Markus‘ Abwesenheit hatten neue Eiszeiten eingesetzt. Gerade jetzt befand sich eine Eiszeit auf dem Höhepunkt ihrer Ausprägung. Europa, Sibirien und die nördliche Hälfte Nordamerikas wiesen starke Vergletscherung auf. Wo einst Berlin gelegen hatte, bedeckte nun ein enormer Eispanzer das Herz Europas. Anstelle der Beringsstraße gab es eine breite Landbrücke, durch die Eurasien mit Nordamerika verbunden war. Das große, ostafrikanische Grabensystem war aufgebrochen, Gebiete des ehemaligen Kenia und Tansania waren nun großteils durch eine lange, dünne Meerenge vom Rest des afrikanischen Kontinents getrennt. Die afrikanische Platte war etwas näher an die eurasische Platte herangerückt und hatte die Meerenge von Gibraltar geschlossen. Dort wo sich vor fünf Millionen Jahren das Mittelmeer befunden hatte, lag nun eine einzige gigantische, strahlend weiße Salzwüste, im Durchschnitt hunderte von Metern unter dem globalen Meeresspiegel, mit Senken bis zu einer Tiefe von fünftausend Metern. Das Mittelmeerbecken war nahezu vollkommen trocken. Dadurch waren Eurasien und Afrika nun zu einer einzigen Landmasse verschmolzen. Inmitten der Salzwüste gab es vereinzelt steinerne Regionen, ebenso öde wie die Salzwüste selbst - die ehemaligen Mittelmeerinseln. Im Norden grenzte diese neue Wüste an die kühle, südeuropäische Tundra, die noch weiter nördlich wiederum in die Regionen der Vergletscherung überging, im Süden grenzte sie dort, wo einst die Sahara begonnen hatte, an ein flächendeckendes Grasland mit vereinzelten Baumbeständen, das sich von der Atlantikküste bis zum roten Meer erstreckte. Der mächtige Nil war nicht mehr vorhanden. Markus schaute auf die Stelle, wo sich vermutlich immer noch das Plateau von Gizeh befand. Sämtliche Spuren vergangener Monumentalarchitektur mussten selbstverständlich schon vor Äonen von Wind und Wetter abgeschliffen worden sein. Er dachte an das altägyptische Sprichwort: „Jeder Mensch fürchtet die Zeit, aber die Zeit fürchtet die Pyramiden.“ Hier und jetzt entbehrte dieses Sprichwort nicht einer gewissen Komik. Bei einem Blick auf die Äquatorialregionen fiel Markus sofort auf, dass es auf dem gesamten Planeten, wie es auch schon in einer früheren Phase des Känozoikums und zu noch älteren Epochen der Erdgeschichte der Fall gewesen war, keinen tropischen Regenwald mehr gab. Er war ersetzt worden durch feuchtes, warmes Wald- und Wiesenland. Markus war sich darüber im Klaren, dass alle diese Veränderungen keineswegs durch katastrophale Aktivitäten der einstigen Menschheit verursacht worden waren. Was er hier vorfand, stand durchaus nicht im Widerspruch zu den gängigen Langzeitprognosen der Zeit, die er hinter sich gelassen hatte. Markus ließ seine Gedanken schweifen und fragte sich, was für neue Kreaturen des Landes und des Meeres die letzten fünf Millionen Jahre Evolution auf dem Planeten Erde wohl hervorgebracht hatte. Er würde es leider nicht erforschen können. Hätte er eine Landefähre gehabt, wäre er wohl zu einigen Exkursionen auf die Oberfläche aufgebrochen.

Nun folgte Markus‘ zweiter, vorletzter Abschied aus seinem einstigen Heimatsonnensystem. Er brachte das Schiff auf Kurs für eine noch weit größere Schleife, die ihn erst in einer sehr, sehr fernen Zukunft wieder hierher zurückbringen würde. In der Zeit, die er nun abwesend sein würde, würden sich die Kontinente innerhalb von zweihundert Millionen Jahren zu einem neuen Superkontinent vereinen, wie sie es in ferner Vergangenheit schon mehr als einmal getan hatten. Im Zeitalter des erneuten Ineinanderdriftens der Kontinente würde es schließlich keine neuen Eiszeiten mehr geben. Die Zunahme der Strahlungsintensität der Sonne würde die Erde langsam in einen tropischen Planeten verwandeln. Auf dem Hertzsprung-Russel-Diagramm, das die Vielfalt der Sonnen des Universums nach Leuchtkraft und Farbe anordnete, gab es eine Hauptreihe von Sonnen, die aus dem Bereich der roten Zwerge über den Bereich der mittelgroßen orangenen und gelben Sonnen schließlich in den Bereich der weißen Sonnen und der bläulich-weißen Riesensonnen überging. Die Sonne des Planeten Erde war bereits dabei, sich sehr langsam im Bereich der Spektralklasse G in Richtung auf die Spektralklasse F zu bewegen. Es würde noch viele Milliarden Jahre dauern, bis die Sonne die Hauptreihe verlassen und zum Ast der roten Riesen wandern würde, aber schon deutlich früher, vielleicht in einer Milliarde Jahren, würde eine immer noch gelbe, doch deutlich heißere Sonne das Zeitalter der Evolution des Lebens beenden und die Erde in eine Zwillingsschwester der Venus verwandeln.

So wie ihn die kleinere, erste Schleife durch die lokale Gruppe geführt hatte, führte die neue, große Schleife Markus nun durch die Struktur der nächstgrößeren Ordnung. Galaxienhaufen, kleinere wie die lokale Gruppe und deutlich größere wie der Virgo-Haufen, bildeten zusammen Superhaufen. Einer davon war der lokale Superhaufen. Markus beobachtete die ungeheure, schöne Vielfalt an Formen, die die unzähligen Galaxien der einzelnen Haufen aufwiesen. Neben den Spiralgalaxien gab es kleinere runde und ovale Galaxien, es gab Balkenspiralen, deren gerade Zentralarme in den Außenbereichen spitz zur Seite abbogen wie Zähne eines Dinosauriers, und es gab völlig unregelmäßige Galaxien, die durch sehr nahe Begegnungen mit größeren Galaxien geradezu zerissen worden waren. Die Mannigfaltigkeit an Formen und Farben war atemberaubend. Der interessanteste Anblick bot sich, wenn zwei Galaxien kollidierten und miteinander verschmolzen. Die Sonnen waren dabei so dünn gesäht, dass es nicht zu Zusammenstößen einzelner Sonnen kam. Der Abstand der Sonnen im Verhältnis zu ihrer Größe entsprach in etwa dem Abstand von dreißig kleinen Bällen, die über ganz Europa verteilt herumlagen.

Außerhalb der Galaxiensuperhaufen gab es im Universum gigantische, leere Raumregionen, von denen viele eine sphärische Form aufwiesen. Betrachtete man die Großraumstrukturen des Universums als Ganzes, so erinnerten sie auf sonderbare Weise an die Struktur von funkelnden Blasen in einem Schaumbad. Das Schiff durchquerte mehrere der sphärischen Hohlräume und mehrere Superhaufen, ehe es nach einer Schleife von einigen Milliarden Lichtjahren wieder – und nun zum letzten Mal – dorthin zurückkehrte, wo die längste Reise aller Zeiten einst begonnen hatte. Dieses Mal brachte Markus das Schiff nicht wieder zum Stillstand, sondern lediglich auf eine relativ geringe Geschwindigkeit, bei der sich die Zeitdilatation aber durchaus noch bemerkbar machte, und brachte das Schiff auf Kurs für einen nahen Vorbeiflug an seinem Heimatsonnensystem. Er hatte es schon aus der Ferne beobachtet und wählte die Geschwindigkeit sehr genau, denn er wollte seinen Vorbeiflug zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt absolvieren. Jahrmilliarden waren vergangen und die einstmals goldene Sonne hatte sich in einen roten Riesen verwandelt. Die Planeten Merkur und Venus waren dabei schließlich zerstört worden. Der Rand der roten Riesensonne befand nun etwa dort, wo sich früher einmal die Erdbahn befunden hatte. Durch die geringe Dichte der äußeren Sonnenschichten und den zunehmenden Strahlungsdruck der im Zentrum sehr heißen Sonne waren bereits erkennbare Mengen der Sonnenmaterie abgestoßen worden. Die Sonne hatte trotz ihres riesigen Volumens bereits an Masse und somit an Anziehungskraft verloren. Die Folge davon war gewesen, dass der Planet Erde eine höhere Umlaufbahn um den roten Riesen angenommen hatte und somit bis jetzt der Zerstörung entgangen war, zumindest der vollständigen Zerstörung, denn von dem, was die Erde vor langer Zeit zu etwas Besonderem gemacht hatte, war nichts mehr vorhanden. Die Erdoberfläche war durch die enorme Hitze der roten Riesensonne aufgeschmolzen worden und bestand nunmehr vollständig aus einem globalen Lava-Ozean.
Markus hätte gerne herausgefunden, was sich auf den großen Monden des Jupiter und Saturn abgespielt haben mochte, als die lange Zeit ihrer Vereisung geendet hatte und die Sonne sie immer stärker erwärmt hatte, aber dafür war es nun zu spät. Das Sonnensystem der Menschheit erlebte nun seinen Untergang.

Das Schiff entfernte sich bereits wieder aus dem Sonnensystem, und Markus hatte im Kuppelraum eine Flasche alten, rauchigen Branntweins geöffnet und sich ein Glas eingeschenkt. Er legte nun wieder eine der alten Schallplatten auf. Er nahm einen tiefen Schluck, genoß die Wirkung des kräftigen Branntweins, die er sofort in seinen Adern spüren konnte, lauschte dem Lied und beobachtete die Serie von enormen Helligkeitsanstiegen, in denen die äußeren Schichten der roten Riesensonne weggestoßen wurden und einen planetarischen Nebel erschufen, von sphärischer Form, die einem Beobachter wie ein das kollabierende Zentralgestirn umgebender Ring erschien. Die thermonukleare Aktivitätsphase der Sonne, unter der Markus und Melanie und die gesamte Menschheit geboren worden waren, hatte nun geendet.

Once upon a time I was falling in love
But now I‘m only falling apart
There‘s nothing I can do
A total eclipse of the heart
Once upon a time there was light in my life
But now there's only love in the dark
Nothing I can say
A total eclipse of the heart


Die Sonne war nun eine stellare Ruine, ein kollabierter, weißer Zwerg aus entarteter Materie mit einer Dichte von einer Tonne pro Kubikzentimeter und einem Volumen, das kaum größer war als das Volumen eines terrestrischen Planeten. Den Großteil ihrer Helligkeit hatte sie bereits verloren und würde nun sehr langsam auskühlen und sich in einen schwarzen Zwerg verwandeln. Die Geschichte des Sonnensystems war im Wesentlichen beendet, aber Markus‘ Reise sollte ihn noch weiter führen. Das Raumschiff beschleunigte wieder, und diesmal gab es keinen Schleifenkurs mehr, denn es gab keinen Ort mehr, an den Markus zurückkehren wollte.

Während das Raumschiff immer schneller wurde, vergingen im äußeren Universum zunächst wieder Millionen und Milliarden von Jahren, und dann schließlich ganze Billionen von Jahren. Markus gelangte nun allmählich in die ferne Zeit, in der keine neuen Sonnen mehr entstanden, welche die alten Sonnen hätten ersetzen können. Der Vorrat an leichten, zur Kernfusion geeigneten Elementen im Universum ging zur Neige.
Schließlich ebbten als erstes die Supernovae ab, die zuvor immer das weithin beobachtbare Merkmal des Kollapses einer extrem massereichen Sonne, die ihren nuklearen Brennstoff sehr schnell und verschwenderisch nutzte, gewesen waren. Dann kollabierten die letzten Sonnen mittlerer Masse und stießen dabei ihre äußeren Hüllen ab, wie es vor langer Zeit auch die Sonne der Menschheit getan hatte. Nun waren noch die roten Zwergsonnen übrig. Sie waren vom Anbeginn des Zeitalters der Sterngeburten immer die häufigsten, zahlreichsten stellaren Objekte gewesen und waren nun schließlich die letzten noch thermonuklear aktiven Sonnen im Universum. Markus befand sich wieder im Kuppelraum. Noch war das Universum voller roter Zwergsonnen, aber sie würden bald verglühen. Markus taufte diese Zeit die Abendröte des Universums. Er brauchte nicht lange zu warten. Die immer noch weiter zunehmende Zeitdilatation führte ihn mit ungeheurer Macht vorwärts. Das Universum war fünfzehn Milliarden Jahre alt gewesen, als Markus seine Reise begonnen hatte. Nun öffnete er eine Flasche kalten, mexikanischen Biers und eine Flasche eiskalten Tequilas, lehnte sich zurück und beobachtete hundert Billionen Jahre nach dem Urknall die letzten, roten Sonnen des Universums, wie sie eine nach der anderen erloschen.

A million suns shine down
But I see only one
Tryin‘ to think I‘m over you
I find I‘ve just begun
The years go faster than the days
There‘s no warmth in the light
And how I miss those desert skies
Your cool touch in the night

Benson, Arizona, the warm wind through your hair
My body flies the galaxies, my heart longs to be there
Benson, Arizona, the same stars in the sky
But they seemed so much kinder when we watched them, you and I

Now the years pull us apart
I‘m young and now you‘re old
But you‘re still in my heart
And the memory won‘t grow cold
I dream of times and spaces
I left far behind
Where we spent our last few days
Benson‘s on my mind


Das Universum bestand nun nur noch aus Trümmern, kompakten, inaktiven, völlig dunklen Sonnen mit Dichteverhältnissen hin zu dem, was für Atomkerne üblich war, und schwarzen Löchern, von stellarer Masse bis hin zu den gigantischen schwarzen Löchern, die die Masse einer ganzen Galaxis verschlungen und in sich vereint hatten. Die Zeiträume, die nun vergingen, ließen sich nur noch in Zehnerpotenzen ausdrücken. Zehn hoch vierzig Jahre waren seit dem Urknall vergangen, und nun endete schließlich die lange Ära der Materie. Durch den Protonenzerfall, der für so unermeßliche Zeiträume so unmerklich gewirkt hatte, waren sehr langsam, aber kontinuierlich alle materiellen Objekte im Universum eliminiert worden. Masse war in Energie umgewandelt worden, in Photonen, in Licht. Das einzige Vorkommen von Masse, das im Universum noch existierte, waren die schwarzen Löcher.

Die Ära der schwarzen Löcher dauerte an bis zu einem Zeitpunkt zehn hoch hundertfünzig Jahre nach dem Urknall. Die schwarzen Löcher von stellarer Masse waren allmählich durch thermale Strahlung verdampft, in einem Prozess, der noch unmerklicher gewesen war und noch länger gedauert hatte als der Protonenzerfall in der Ära der Materie, und nun war die Masse der einstmals mächtigsten schwarzen Löcher so stark geschrumpft, dass auch sie plötzlich nach Äonen der Schwärze blitzartig hell aufleuchteten, während der gesamte noch verbliebene Rest ihrer Masse in Licht verwandelt wurde. Als das Blitzgewitter schließlich abebbte, endete mit ihm die Ära der schwarzen Löcher, und das Universum trat in seinen Endzustand ein, in die Ära der Photonen. Sämtliche Strukturen, die es im Universum gegeben hatte, waren in Wärmestrahlung verwandelt worden, deren Temperatur immer niedriger wurde, während der Raum immer weiter expandierte. Markus erhob sich und schlenderte im Kuppelraum umher. Er nahm einen Schluck Wein und schaute sich um, hinauf. Nun war der Kuppelraum schließlich bedeutungslos geworden. Markus war am Ziel seiner langen Reise angelangt. Der Raum wurde nun nur noch von kleinen, warmen Lampen in ein rötliches Licht getaucht, die große Kuppel war völlig dunkel. Markus dachte zum ersten Mal zurück an die Worte eines alten Freundes, ausgesprochen in ferner Vergangenheit auf einer Welt, die sich vor sehr, sehr langer Zeit in Asche verwandelt hatte, in Asche, die sich in Licht verwandelt hatte: „Markus, wenn Du am Ziel dieser Reise angelangt bist, gibt es kein zurück mehr! Wenn Du dann schließlich begreifst, dass es ein Fehler war, dann wird es zu spät sein!“ Aber Markus bedauerte nichts. Die Faszination, die er für diese Reise empfunden hatte, während der Planung und schließlich der Reise selbst, war lindernd gewesen. Auch jetzt spürte er das. Und das tiefe Gefühl von Verlust, das ihn immer begleitete und das er nicht loswerden konnte, basierte keineswegs darauf, dass er das Universum hatte sterben sehen.
Er schaute wieder hinauf zur Kuppel. Er war nun der einzige Bewohner dieser weiten, leeren, dunklen Raumzeit. Er dachte an die vielen Ideen, nach denen diese Raumzeit nur ein relativ unbedeutender Teil einer viel größeren, multidimensionalen Struktur war, die etliche, vielleicht unendlich viele Universen umfasste. Der alte Begriff „Omniversum“ fiel ihm wieder ein. Das Omniversum war die hypothetische Gesamtheit aller Universen. In einem solchen Omniversum wäre dieses eine Universum, dessen letzter Bewohner er war, nicht bedeutungsvoller als eine Ruine, die sowieso schon aufgegeben und verlassen worden war. Markus‘ Gedanken reisten weiter, über das erlebte Universum und Omniversum hinaus, hin zu Platos Welt der reinen Ideen, Immanuel Kants Noumenon und dem Brahman der Upanishaden. Aber er hatte noch etwas zu tun. Er hatte genug Aufzeichnungen aus der Zeit, die er mit Melanie verbracht hatte. Nachdem er Melanie verloren hatte, war ihm nie der Wunsch gekommen, Melanie in der Virtualität wiederzusehen. Weil es nicht wirklich war. Nicht wirklich wirklich. Er hatte erst hierher reisen müssen, ans Ende der Raumzeit, wo es nichts Anderes mehr zu tun gab. „Zeit zu träumen“.

Markus ließ sich sanft zurücksinken. Er schloss die Augen. Sein Körper würde mit Allem versorgt werden, was er benötigte. Markus hatte nicht die Absicht, in diesem Leben noch einmal aufzuwachen. Allmählich glitt er hinüber und tauchte in die Virtualität ein.

Es war früher Mittag. Der Himmel war tiefblau und klar, das sommerliche Spreetal mit seinen Wiesen und Wäldchen, Pavillons und Lauben lag in goldenem Sonnenschein. Markus schlenderte einen sanften Hügelhang hinunter, vorbei an einigen Rhododendren, über den Rasen hin zu einem kleinen Sandstrand am Ufer der Spree. Er sah eine Gruppe von Jungen und Mädchen, seine Freunde. Als er näher kam, begrüßten sie ihn. Das wundervollste Mädchen, das er jemals kennengelernt hatte, das Mädchen, in das er zutiefst verliebt war, trat ihm entgegen und lächelte lieb und zuckersüß. „Hallo Markus!“ Markus erwiderte ihr Lächeln. „Hallo Melanie!“

Ende