23 Juni 2005 - 17:10 -- Celebrian

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Das Totenschiff

Wer hier eingeht, des Nam' und Sein ist ausgelöscht, er ist verweht!

Kürzlich fand ich am Wühltisch meines Um-die-Ecke-Antiquariates "Das Totenschiff" von B. Traven. Weder Buch noch Autor waren mir geläufig, aber irgendwie hatte ich den Eindruck, es könnte ein Buch sein, daß ich so mit zwölf, dreizehn verschlungen hätte, und es kostete nur einen Euro... Ich schlug die erste Seite auf, und der Anfang gab den Ausschlag dafür, den Euro zu investieren:

Wir hatten eine volle Schiffsladung Baumwolle von New Orleans rübergebracht nach Antwerpen mit der S.S.Tuscaloosa. Sie war ein feines Schiff. Verflucht noch mal, das ist wahr. First rate steamer, made in U.S.A. Heimathafen New Orleans. O du sonniges, lachendes New Orleans, so ungleich den nüchternen Städten der vereisten Puritaner und verkalkten Kattunhändler des Nordens!

Manche Romananfänge stimmen einfach. In einem Loch in der Erde, da lebte ein Hobbit. Nennt mich meinethalben Ismael. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und in der Nacht, als Ronja geboren wurde, rollte der Donner über die Berge. Ob es literaturwissenschaftliche Arbeiten über Romananfänge gibt?

Der Anfang hat gehalten, was er versprach, und sogar mehr geboten.

Ich hatte einen Abenteuerroman erwartet, mit einem fröhlich-schnörkellosen, aber sehr gefühlvollen Ich-Erzähler mit einem Hauch Selbstironie und einer Prise Jack London. Das erste Drittel spielt noch an Land: Gale, der Ich-Erzähler, ein amerikanischer Seemann, dem die Papiere abhanden gekommen sind, versucht erfolglos, auf einem Schiff anzuheuern oder wenigstens an neue Papiere zu kommen. Er läuft von Amt zu Amt, von Polizeiamt zu Konsulat - und die Szenen, die sich abspielen, sind voll komisch-bitterer Absurdität. Ein Mann ohne Papiere lebt nicht. Schon hier klingt das Leitmotiv des "Totseins trotz Nochatmens" an: Gale ist tot, weil es kein Dokument gibt, das das Gegenteil bezeugt.
Gale kommentiert das Geschehen in einer Mischung aus gerechter Empörung und resignierter Spintisiererei, gestattet sich dabei hübsche Abschweifungen, in denen er dem Leser darlegt, wie die Welt (mehr schlecht als recht) funktioniert.
Die Polizei schiebt ihn bei Nacht und Nebel nach Holland ab, die Holländer schieben ihn bei nächster Gelegenheit zurück nach Belgien, irgendwann landet er in Frankreich und vagabundiert bis nach Spanien. Dort endlich ist alles gut, niemand fragt ihn nach Papieren, die Gastfreundschaft erschlägt ihn fast, die Polizisten raten ihm voller Besorgnis zu wettergeschützten Schlafplätzen... Er philosophiert über die Freiheit:

Das Land hatte an dem Kriege für die Freiheit und die Demokratie der Welt nicht teilgenommen. Deshalb hatte der Krieg hier die Freiheit nicht gewonnen und die Menschen hatten sie nicht verloren. Es ist so unerhört lächerlich, daß alle die Länder, die von sich behaupten, sie seien die freiesten Länder, in Wahrheit ihren Bewohnern die geringste Freiheit gewähren und sie das ganze Leben hindurch unter Vormundschaft halten. Verdächtig ist jedes Land, wo so viel von Freiheit geredet wird, die angeblich innerhalb seiner Grenzen zu finden sei. Und wenn ich bei einer Einfahrt in den Hafen eines großen Landes eine Riestenstatue der Freiheit sehe, so braucht mir niemand zu erzählen, was hinter der Statue los ist. Wo man so laut schreien muß: Wir sind ein Volk von freien Menschen!, da will man nur die Tatsache verdecken, daß die Freiheit vor die Hunde gegangen ist, oder daß sie von Hunderttausenden von Gesetzen, Verordnungen, Verfügungen, Anweisungen, Reglungen und Polizeiknüppeln so abgenagt worden ist, daß nur noch das Geschrei, das Fanfarengeschmetter und die Freiheitsgöttinnen übriggeblieben sind. In Spanien spricht kein Mensch von Freiheit.

Solche Absätze gehören zu den geordnetsten, es gibt auch sehr viel versponnenere Überlegungen. Vieles erinnert in der Tat an Jack London, gerade da, wo deutlich wird, daß Gale sich kulturgeschichtlich auskennt und sich dieser Kenntnisse in freier Assoziation bedient, aber Jack Londons Vagabund ist klarsichtiger, bitterer, härter, kämpferischer. Gale hat eine gehörige Portion Narrentum, könnte man sagen, manchmal schrammt er mit seinen Spinnereien am Rande des Schwachsinns entlang, allerdings eines lächelnden, unverwundbar machenden Gottesnarrenschwachsinns. Oft formuliert er drollig-einfältig, mit so zarter Ironie, daß man sich fragt, ob sie ihm nun bewußt wird oder nicht:

Ich bekam Appetit auf Fisch, und ich dachte, die einfachste Art, Fisch zu essen, ist, ihn zu haben; und um ihn zu haben, mußte ich ihn fangen. Brot, Suppe und ein Hemd konnte man sich schon leicht verschaffen; aber um Angelgerätschaften betteln zu gehen, das schien mir doch zu modern zu sein.

Das Angeln wird ihm zum Verhängnis - er sieht die Yorikke, jenes Totenschiff, auf dem er anheuern wird. Sein erster Eindruck:

Das ist aber ein recht merkwürdiger Eimer, der da angeschwommen kommt... Sie macht gerade los und kommt nicht gut ab. Sie schleppt und schlittert und kratzt am Kai entlang. Offenbar will sie nicht raus, sie ist wasserscheu. Aber ganz gewiß, man kann sich drauf verlassen, es gibt auch wasserscheue Schiffe, yes, Sir. Das ist überhaupt der Fehler, der so oft gemacht wird, daß man den Schiffen die Persönlichkeit abstreitet. Die haben ihre Persönlichkeit, ihre Launen genau so gut wie ein Mensch. Diese alte Tante hier hatte eine Persönlichkeit. Das sah ich auf den ersten Hieb. Mit der war nicht gut Salz lecken. [...]
Als ich nun da auf der Mauer saß, so emsig mit Fischefangen beschäftigt, und ich sah die Yorikke, da lachte ich, da lachte ich so laut und so ungeheuerlich, daß die gute Yorikke einen Schreck bekam und um eine halbe Schiffslänge zurückglitt. Sie wollte nicht raus ins Wasser und wollte nicht.


Das Schiff ist in katastrophalem Zustand, die Mannschaft ist noch schlimmer dran, aber Gale wird vom Skipper Arbeit angeboten, und weil er abergläubisch ist, "darf" er sie nicht ausschlagen - damit ist er auf Gedeih und Verderb angeheuert. Langsam begreift er: er ist auf einem Totenschiff, einem Schiff, das kaum je einen Hafen anläuft, Schmuggelware fährt und früher oder später sinken soll, damit die Schiffahrtsgesellschaft die Versicherung kassieren kann. Die Mannschaft besteht aus Toten - aus Paßlosen. Der Anfang der Inschrift über dem Mannschaftsquartier des Totenschiffs: Wer hier eingeht, des Nam' und Sein ist ausgelöscht. Er ist verweht, von ihm ist nicht ein Hauch erhalten in der weiten weiten Welt... Eine typische Höllenüberschrift, ähnliches findet sich in Dantes Inferno, auch Orpheus muß in der Monteverdi-Oper unter einer solchen Inschrift am Eingang zum Hades hindurch.

Gale arbeitet als Kohlenzieher, die schwerste Arbeit ganz unten in der Hierarchie. Zunächst beschreibt er die entsetzlichen Zustände an Bord, und zwar noch mit einer gewissen Leichtigkeit, er versichert beispielsweise, die Ölfunzeln seien in Pompej ausgegraben worden, und er überlegt, die dicke Dreckschicht im Mannschaftsquartier mit einer Axt zu bearbeiten, um Geldmünzen der Phönizier zu finden. Nach einer Doppelschicht im unmenschlich heißen Kesselraum ist er zu solchen Gedanken nicht mehr in der Lage. Diese erste Schicht ist enorm packend geschrieben. Schon der erste Blick nach unten geht direkt in die Hölle:

Aus der tiefschwarzen und doch so glänzend klaren Meeresnacht blickte ich hinunter in den Schacht. In einer unendlich erscheinenden Tiefe sah ich eine flackernde, dunstige, rauchige Helle. Diese Helle war rötlich von dem Widerschein der Kesselfeuer. Mir war, als sähe ich in die Unterwelt. In diesen rötlichen, dunstigen Schein trat jetzt eine nackte menschliche Gestalt, verrußt und mit glitzernden Streifen rieselnden Schweißes. [...] Ich wollte die Leiter hinuntergehen. Als ich aber einen Fuß auf die oberste Sprosse gesetzt hatte, schlug mir eine entsetzliche Säule von Hitze, erstickendem Ölgestank, Kohlenstaub, Flugasche, dickem Petroleumqualm und Wasserdampf entgegen. Ich fiel zurück, und mit einem lauten Japser schnappte ich nach frischer Luft, weil ich glaubte, meine Lungen könnten nicht mehr arbeiten. Aber es half nichts. Ich mußte da hinunter. Da war ein Mann unten. Ein lebender Mensch, der sich bewegen kann. Und wo ein andrer Mensch sein kann, da kann auch ich sein.

Und dann fallen sechs Roste auf einmal von den Querleisten (Die Querleisten waren einmal gut und neu gewesen, zu der Zeit, als der große Streik ausbrach beim Bau des Turms von Babel und jene Sprachverwirrung eintrat, die auf der Yorikke ihren Höhepunkt erreicht hatte.), und die Roste müssen unter Lebensgefahr wieder eingesetzt werden. Gale springt während der Schilderung zwischen Kesselhölle und Anekdoten über ähnliche Fälle hin und her, als Leser wird man in den Bann gezogen, glühende Öfen in furchtbarer Enge, das Fluchen, die Verzweiflung der Heizer, jedes Stück veralteter Technik kann zur Todesursache werden, dann wieder eine Erzählung darüber, wie im Moment der Lebensgefahr selbst die Hierarchie unwichtig wird - wehe dem Skipper, der in solchen Augenblicken wagt, das Heizpersonal anzuschnauzen.

Und während wir arbeiteten wie verblödete Maden, fiel der Dampf und fiel und fiel. Und wie sahen die Arbeit, die uns bevorstand, den Dampf wieder hochzubringen. Sie kroch und würgte sich in unsre Kadaver, während wir mit den Rosten würgten. Seit jener Nacht stehe ich über den Göttern. Ich kann nicht mehr verdammt werden.

Doch er gewöhnt sich daran und schüttelt selbst darüber den Kopf. Kamele lassen sich eher totprügeln, erzählt er, bevor sie sich schinden lassen, der Mensch aber läßt sich versklaven, weil er sich Hoffnung denken kann, Hoffnung, daß es besser wird. Beim Nachdenken über die vielen Totenschiffe auf den sieben Meeren landet er wieder beim Thema Freiheit, und was er sagt, ist von trauriger Aktualität:

Erhebe die Freiheit zu einem religiösen Symbol, und sie wird leicht die blutigsten Religionskriege entfesseln. Wahre Freiheit ist relativ. Keine Religion ist relativ. Am wenigsten relativ ist die Profitgier. Sie ist die älteste Religion, hat die besten Pfaffen und die schönsten Kirchen. Yes, Sir.

Und es folgen weitere Arbeitshöllen, weitere Spintisierereien teils gemeinsam mit fellow worker Stanislawski, über die Schmuggelware, über das Seelenleben der Yorikke, über die Hierarchie bei Toten, darüber, daß sie einen wohl an der Himmelstür ohne Paß nicht reinlassen, über den Äquator, dessen Hitze alles Eisen so weich macht, daß man mit dem Finger Löcher in den Schiffsrumpf bohren kann, und den ein Schiff deshalb besser meidet. Oder es nimmt den Tunnel, der unter dem Äquator drunter her führt... Wie der Tunnel aussieht? Na, ein Loch im Wasser. Ach ja, das ist einfach. Ein Tauchanzug für ein Schiff wäre zu kompliziert...

War als deutscher Filmklassiker in der Mediathek der Süddeutschen zu haben


Das Totenschiff ist auch verfilmt worden, 1959 mit Horst Buchholz und Mario Adorf. Ist ein durchaus sehenswerter Film geworden, aber viel, viel zahmer als das Buch - eigentlich erstaunlich, gerade die Kesselhöllenszenen müßte man doch sehr eindrücklich verfilmen können, die Hitze, die Enge, die Torturen. Aber der Kesselraum machte einen ganz gemütlichen Eindruck, und dafür, daß sich die Mannschaft nur mit Sand und Asche waschen konnte, sahen Buchholz und Adorf viel zu manierlich aus. Es waren keine Toten. Der Begriff Totenschiff hängt ja zunächst mal einfach damit zusammen, daß das Schiff außerhalb der Legalität umherkreuzt und letztlich sinken soll. Traven jedoch weitet das Motiv auf die Mannschaft aus: die Männer sind tot, nicht nur, weil die Yorikke irgendwann sinken wird, sondern weil sie schon vorher tot sind durch den Verlust der Papiere, durch die wie auch immer zustandegekommene Heuer auf der Yorikke - einmal auf einem Totenschiff, kommt man nicht mehr herunter. Das Leitmotiv "wir sind tot" zieht sich durchs ganze Buch, der Film macht nichts daraus. Aber Adorf als Stanislawski ist ziemlich gut (die Rolle wird auch durchaus interessant ausgebaut).

Um den Autor B. Traven ranken sich Vermutungen und Legenden, nachzulesen hier.